Sun Microsystems: "Wir tun uns natürlich leichter als Microsoft"

19. Oktober 2006, 15:23
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Geschäftsführer Bernhard Isemann im Interview über die Chancen und Risken Suns offensiver Open-Source-Strategie

Sun Microsystems zählt zu den wichtigsten Marktproponenten im Open-Source-Bereich. Mit dem Bereitstellen von Open-Source-Varianten der eigenen Software-Suite Star Office sowie dem Betriebssystem Solaris hat Sun seine Open-Source-Strategie in den vergangenen Jahren konsequent ausgebaut. In einem aufsehenerregenden nächsten Schritt wird Sun im kommenden Jahr auch den Source Code seiner Programmiersprache Java freigeben. Sun-Österreich-Geschäftsführer Bernhard Isemann gibt im Interview mit pressetext preis, warum sich Sun im Bereich Open Source leichter als Microsoft tut und welche Chancen und Risken sich hinter einer offensiven Open-Source-Strategie verbergen.

pressetext: Die Expertenmeinungen gehen auseinander, wie sich der Wettbewerb zwischen Open-Source-Lösungen und der proprietären Softwarepalette von Microsoft in den kommenden Jahren entwickeln wird. Wie beurteilen Sie die Situation?

Isemann: Derzeit ist der Drang der Privatwirtschaft und öffentlichen Stellen zu offenen Standards und somit zu mehr Unabhängigkeit ganz klar bemerkbar. Das Wichtigste in den nächsten fünf Jahren ist aber nicht die Konkurrenz einzelner Produkte oder Anbieter, sondern die kontinuierliche Entwicklung dieser Standards. Bei Sun sehen wir uns daher auch nicht in einer Konkurrenzsituation mit Microsoft. Uns geht es einzig und allein darum, bei der Schaffung offener Standards mitzuwirken und die Open-Source-Community zu unterstützen.

pressetext: Wie würden Sie die Rolle von Sun innerhalb der Open-Source-Bewegung definieren?

Isemann: Wir haben als Unternehmen von Anfang an eine andere Philosophie als die meisten anderen Anbieter proprietärer Produkte vertreten. So haben wir bei unserer Produktlandschaft sowohl im Hardware- als auch im Softwarebereich immer auf offene Standards gesetzt. Der derzeitige Trend der Open-Source-Community kommt uns nun natürlich massiv entgegen.

pressetext: Tut sich Sun bei der Öffnung seiner Entwicklungen wie Star Office, Solaris oder Java im Vergleich zu Microsoft auch deshalb leichter, weil das Geschäft weit weniger vom Software-Segment abhängig ist?

Isemann: Natürlich tun wir uns leichter. Unsere Wertschöpfung ist im Vergleich zu Microsoft nie in diesem Bereich gelegen. In erster Linie sind wir ein Technologieunternehmen, das immer von der Innovation seiner technologischen Entwicklungen und von den Hardwareprodukten gelebt hat. Dazu kommt, dass wir im Software-Segment bereits vor 15 Jahren auf offene Standards gesetzt haben. Davon profitieren wir jetzt doppelt.

pressetext: Welche Überlegungen stehen hinter der Öffnung von Java zu Open Java?

Isemann: Java ist über die Jahre und durch geschickte Partnerschaften mittlerweile zu weitaus mehr als nur dem Industriestandard geworden. Die Öffnung dieses enormen Flächenproduktes sehen wir zunächst einmal als Beitrag für die Open-Source-Gemeinde. Darüber hinaus wird uns dieser Schritt im kommenden Jahr natürlich auch einen ganz klaren Positionierungseffekt und Aufmerksamkeit bescheren. Als Einnahmequelle wird unsere bestehende Supportstruktur dienen.

pressetext: Warum hat sich Sun erst verhältnismäßig spät für diesen Schritt entschlossen? War Ihnen das Risiko lange Zeit zu hoch?

Isemann: Wir mussten natürlich ganz sicher sein, dass dieses Modell funktioniert und Kunden verstehen, dass durch den kostenlosen Erwerb des Produktes nicht dessen Qualität in Frage gestellt wird. Gleichzeitig musste gewährleistet sein, dass wir zwar ein wertvolles Produkt kostenlos zur Verfügung stellen, aber dann am professionellen Support verdienen können. Da steckt ein ganz neues Go-to-Market-Modell dahinter, mit dem wir bei Open Solaris und Star Office bereits äußerst positive Erfahrungen gemacht haben.

pressetext: Inwiefern profitieren Kunden von diesem Modell?

Isemann: Indem wir ein Produkt wie Java interessierten Entwicklern und Unternehmen gratis zur Verfügung stellen, fällt der finanzielle Druck beim Entscheidungsprozess für diese Unternehmen weg. Der Kunde entscheidet sich letztlich für das Produkt und den dann notwendigen kostenpflichtigen Support allein deshalb, weil er von der Qualität überzeugt ist. Wir profitieren bei diesem Modell von niedrigeren Kosten für Vertrieb und Werbung.

pressetext: Wie groß ist die Gefahr, dass Ihnen das Support-Geschäft von Mitbewerbern streitig gemacht wird?

Isemann: Das ist prinzipiell natürlich denkbar, aber wir haben hier einen eindeutigen Pioniervorteil. Man darf nicht vergessen, dass wir schon jetzt ein Unternehmen sind, dass nicht durch die Lizenzen lebt, sondern seine Wertschöpfung aus Support-Modellen bezieht. Wenn nun ein anderes Unternehmen damit anfängt, muss es zumindest zehn Jahre Entwicklungsgeschichte mitgemacht haben.

pressetext: Wie beurteilen Sie die Open-Source-Situation Österreichs im Vergleich zu Deutschland?

Isemann: Beim öffentlichen Sektor ist Österreich in der gesamten Region sicherlich führend und Deutschland noch ein gutes Stück voraus. Im Privatsektor - und hier vor allem in den starken Segmenten Banken und Versicherungen - findet hier wie dort derzeit ein massives Umdenken statt. Der Trend geht eindeutig in Richtung offene Standards und eigene Entwicklungen. Das wird die nächsten zwei, drei Jahre in beiden Ländern stark prägen. Österreich hat von der Marktsituation her vielleicht den Vorteil, dass aufgrund des hohen Wettbewerbs auf dem verhältnismäßig kleinen Markt mehr Flexibilität herrscht. (pte)

  • "Sun Österreich"- Geschäftsführer Bernhard Isemann
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    "Sun Österreich"- Geschäftsführer Bernhard Isemann

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