9. Oktober 2006, 11:24
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Die Sache begann damit, dass ich am 20. August 2006 um 21.00 Uhr, einem Sonntag, einen Anruf von News erhielt. Am Apparat war eine junge Journalistin, die mich mit allen Mitteln dazu überreden wollte, Namen und Adresse einer der Pflegerinnen preiszugeben. Ich wies sie ab. Wenige Tage später wurde die Medienöffentlichkeit von der Kampusch-Welle überrollt, und man konnte in News Dinge über die junge Frau lesen, die hemmungslos ihre Privatsphäre verletzten. Dass dann just diesem Magazin die Rechte für ein Interview zugeschoben wurden, lässt sich nur mit der allgemeinen Verluderung der Sitten in diesem Land erklären.

Jedenfalls wurde ich kurz darauf erneut von News umworben. Nun war der Chefredakteur persönlich am Apparat. Josef Votzi duzte mich kumpelhaft, obwohl ich ihm persönlich noch nie begegnet bin, und bedrängte mich heftig, die Pflegerinnen an News auszuliefern. Er wollte Namen und Adressen haben.

"Diese Pflegegeschichte muss ein Gesicht und einen Namen kriegen", erklärte er, "erst dadurch wird sie authentisch, erst dadurch kriegt sie Gewicht." Ich entgegnete, die wesentliche Information habe darin bestanden, dass einerseits der Kanzler behauptet hatte, es gäbe keinen Pflegenotstand, andererseits jedoch seine eigene Familie illegale slowakische Pflegerinnen beschäftigt hatte. Genau das hätte ich durch meinen Leserbrief bereits veröffentlicht. Alles andere sei unwichtig und bringe der Öffentlichkeit keine zusätzlichen Einsichten.

Votzi bot mir Geld an (ich lehnte ab). Votzi bot mir einen Vertrag an und dass ich selbst das Interview durchführen solle (ich lehnte ab). Votzi bot an, dass die Pflegerinnen anonym bleiben könnten (ich lehnte ab). Als er immer noch nicht lockerließ, erklärte ich ihm, es sei sinnlos, das Gespräch weiterzuführen.

News war nicht das einzige Medium, das von mir Namen und Adressen der Pflegerinnen wissen wollte, aber das weitaus aggressivste. Ich erzählte einer Freundin von diesem Gespräch mit dem News-Chefredakteur und sie meinte spaßhalber:

"Wenn er schon so gierig danach ist, eine Pflegerin zu kriegen, dann soll er sie haben!" Gesagt, getan. Wir nahmen damit eine verschüttete österreichische Tradition wieder auf.

Helmut Qualtinger hatte 1951 eine ähnliche Aktion durchgeführt. Auf Briefpapier des Pen-Clubs verschickte er Einladungen an österreichische Medien und kündigte die Ankunft des berühmten Eskimo-Dichters Kobuk am Wiener Westbahnhof an. Kobuk wollte aus seinen Werken lesen und außerdem mit Wiener Theatern über Aufführungen seiner Stücke "Einsamer Iglu" und "Republik der Pinguine" verhandeln.

Alle namhaften österreichischen Medien fielen darauf herein. Als am Westbahnhof der Zug mit "Kobuk" alias Qualtinger einfuhr, standen sie alle bereit und berichteten in großer Aufmachung über diesen bedeutsamen Dichter. In einer weiteren Hanswurstiade spielte Helmut Qualtinger einen russischen Besatzungsoffizier und lockte Außenminister Leopold Figl in den Stadtpark.

Wie mussten wir die Sache inszenieren, um bei News keinen Verdacht zu wecken? Ich war bei diesem Theater nur der Lockvogel, die Hauptrolle musste meine Freundin als Pflegerin übernehmen. Das Interview sollte an ihrem neuen Arbeitsplatz stattfinden, einem herrschaftlichen Garten in der Wiener Innenstadt.

Nun fehlte noch ein "Pflegefall". Meine Bürokollegin Krista Federspiel war bereit, sich als Statistin in den Garten zu setzen und den Eindruck zu erwecken, sie sei jene Person, die von "Frau Maria" nun zu Hause gepflegt wird. Das Thema war ihr vertraut, denn sie arbeitete seit Monaten an einem Buch über ambulante Pflege in Österreich, das demnächst erscheinen wird.

Seit meinem Leserbrief im Standard waren zwar bereits drei Wochen vergangen, aber Chefredakteur Josef Votzi interessierte sich immer noch dafür. Ich vereinbarte 1000 bis 1500 Euro Honorar für die Pflegerin, je nachdem wie ergiebig das Interview sein würde. Mit meinem Anwalt klärte ich mögliche juristischen Probleme und eröffnete ein Treuhandkonto. Sobald das Honorar einlangte, sollte die Anwaltskanzlei das Geld zurück- überweisen.

Es war ein strahlender Herbsttag, als ich den News-Reporter vor dem Stadtkino am Schwarzenbergplatz traf. Ich hatte eine Vereinbarung vorbereitet, auf dem ich mehrere Bedingungen für das Interview formuliert hatte. Der Reporter meinte, die Vereinbarung sollte vertraulich bleiben. Er wollte einen entsprechenden Satz einfügen. Ich ging darauf nicht ein.

Ich führte ihn und den begleitenden Fotografen zum vorgesehenen Interview-Ort. Frau Maria öffnete uns. Sie hatte sich stilsicher eingekleidet. Eine ältliche, osteuropäisch wirkende Frau Anfang 50 mit einem langen geblümten dunklen Rock, einer weißen, gestrickten Bluse, dunklen Nylonstrümpfen, alten weißen Tennisschuhen, einem Haarreifen.

Wir hatten einen langen Tisch unter die Bäume gestellt, mit einer Wasserkaraffe und vier Gläsern. Etwa zehn Meter entfernt, mit abgewandtem Gesicht und einem altjüngferlichen Hut auf dem Kopf, saß lesend meine Kollegin Krista Federspiel in einem gepolsterten Sessel.

Der Reporter begann mit seinen Fragen: Wie alt sind Sie? Wie soll ich Sie ansprechen? Wie lange haben sie in der Familie Schüssel gearbeitet? Wie wurden Sie bezahlt? Und so weiter.

Das Interview dauerte etwa eine halbe Stunde. Einfühlsam und realistisch schilderte "Frau Maria" Probleme beim Altern und die Zustände in Pflegeheimen. Wir wunderten uns, dass der Reporter keinen Verdacht schöpfte.

Wie sagt Johann Nestroy so schön? -Spaß macht man erst dann, wenn einem ernst ist.

* * *

PS: Das folgenlose Blabla zum Thema Altenpflege geht weiter. Keine Partei hat bis jetzt eine praktikable Lösung für die illegal arbeitenden Pflegerinnen vorgelegt. Es gibt sogar neue Drohungen von so genannten Experten, die darauf hinweisen, wie illegal das alles ist, was die Pflegerinnen und die Familien tun.

Steht dahinter vielleicht die Absicht, ein gut funktionierendes, aber in einer Grauzone operierendes System von häuslicher Pflege zu zerschlagen und die slowakischen Pflegerinnen zu vertreiben? Alle direkt Beteiligten - sowohl die Pflegerinnen als auch die Gepflegten und ihre Angehörigen - sind damit zufrieden. Nur dem Staat passt das nicht. Es ist eine Schande, dass man in einem zivilisierten Land wie Österreich weiterhin zehntausende von Menschen, die ihren Angehörigen ein Altern in Würde ermöglichen, mit Strafen bedroht. Wenn die österreichischen Gesetze es nicht erlauben, dass so etwas auf legale Art und Weise geschieht, muss man sich fragen: Was sind das für merkwürdige Gesetze? Und warum schafft man diese nicht einfach ab? Offenbar sind den Herrschenden Gesetze wichtiger als die Menschen. (DER STANDARD, Printausgabe, 16./17. September 2006)

Zur Person
Hans Weiss lebt als Sachbuchautor ("Bittere Pillen", "Kursbuch Gesundheit") und Schriftsteller in Wien
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    Das "News"-Interview und seine Ermöglicher: Hans Weiss (links), Krista Federspiel (rechts) und "Pflegerin Maria" (ohne Sonnenbrille und Verkleidung).

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