Offenbarungseid über Finanzmisere in Seibersdorf

5. Oktober 2006, 14:01
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Aufsichtsratspräsident Rainer Wieltsch gibt schwere Mängel in Planung und Finanzen des Forschungszentrums Seibersdorf zu

Wien – "Die Liquiditätslücke, die massiven Abweichungen zwischen Planbilanz 2006 und dem Liquiditätsplan ergeben sich im Wesentlichen aufgrund von Planungsfehlern." Das Executive Summary der von Wirtschaftsprüfer Hübner&Hübner vorgelegten Untersuchung der Finanzsituation der Austrian Research Centers (ARC) hat es in sich.

Controlling und Reporting zum Beispiel haben folgende "Schwachpunkte": keine mehrjährige integrierte Erfolgs-, Finanz- und Bilanzplanung; unterschiedliche Planungen der Liquidität; unzureichende Soll-Ist-Vergleiche.

Falsche Zahlen

Nach mehrwöchigem (urlaubsbedingtem) Schweigen versuchte ARC-Aufsichtsratschef Rainer Wieltsch am Freitag erst gar nicht, die gravierenden Mängel in Finanzen und Controlling zu beschönigen. Es war sogar schlimmer: Die Ertragssituation wurde "nicht richtig eingeschätzt", und "leider wurden falsche Ziffern verwendet". Das führte zum berüchtigten Liquiditätsengpass im Volumen von zwei Mio. Euro, der bis Jahresende zu einer Negativliquidität geführt hätte. Hätte, denn jetzt wird ja eisern gespart. Verantwortlich dafür? "Die Geschäftsführung", wie der zwischen dem wissenschaftlichen Leiter Erich Gornik und dem kaufmännischen Geschäftsführer Helmut Krünes sitzende Wieltsch betonte.

Die Konsequenzen daraus? Keine. Krünes scheidet aus und bekommt, wie hochrangige Funktionäre bei Mehrheitseigentümer Infrastrukturministerium sagen, eine Jahresgage Abfertigung (rund 250.000 Euro). Wieltsch bestätigt diesen Betrag ebenso wenig wie der Ex-FPÖ-Verteidigungsminister. Das sei allein Sache des Aufsichtsrats.

Die Mängel im Finanzsystem, die das Management Zentrum St. Gallen (MSZG) im Auftrag des Ministeriums bereits vor einem Jahr attestiert hat, bestreitet Krünes nicht. Im Gegenteil: Er sieht sich und Seibersdorf als Opfer ihres eigenen Erfolgs – weil das kaufmännische System dem Rekordauftragsstand in Höhe von 90 Mio. Euro nicht gewachsen sei. Und überhaupt hätten die Forscher und Wissenschafter die überbordende Zahl an Projekten einfach nicht zeitgerecht abgearbeitet, weshalb Rechnungen zu spät ausgestellt und Zahlungsziele überzogen wurden. Außerdem seien Fördergelder aus Ministerium und EU mit Verspätung überwiesen worden. Dafür habe es aber nie Bankschulden gegeben, die ARC seien immer "hoch weiß" gewesen. Dass das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit bereits 2004 mit 5,93 Mio. Euro negativ war, dürfte Krünes entgangen sein.

Kein politischer Einfluss

Fazit: Betriebsmittelkredite waren in Österreichs größtem außeruniversitären Forschungszentrum ein Fremdwort.

Für Wieltsch ist alles sehr bedauerlich, aber Schnee von gestern: "Jetzt ist alles auf Schiene." Die Holding ist abgeschafft, operative Töchter verschmolzen und das neue Management unter Hans Rinnhofer und Finanzprokurist Peter Euringer wird binnen 60 Tagen alle Kontrollsysteme implementieren. FP-Politiker Martin Graf, als Chef des ARC-Dienstleisters Business Services seit Jahren für hohe interne Verrechnungssätze bei EDV und Verwaltung verantwortlich, wird behilflich sein, er hat schließlich die Missstände entdeckt. Politischen Einfluss gibt es ebenso wenig wie ein FPÖ-Netzwerk. Wieltsch: "Das ist alles Wahlkampf." Caspar Einem, bis 1999 für die ARC zuständiger Minister, und sein SP-Kollege Josef Broukal sind fassungslos. Sie fordern dringend Konsequenzen: Wieltsch solle zurücktreten, und Krünes dürfe beim Abgang "keine Belohnung" bekommen. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD Print-Ausgabe 16.09.2006)

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