Begradigungen

9. Oktober 2006, 16:41
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Nachtrag in eigener Sache - Mischa Jäger zu Armin Thurnhers Editorial "Medienfragen"

War als Leserbrief für den "Falter" - zu Armin Thurnhers Editorial "Medienfragen" (F 36) gedacht, hat ihn aber nicht rechtzeitig erreicht, daher jetzt hier:

"DER STANDARD", lese ich, "gab uns Nachhilfe in Medienmoral, indem er ein Viertel meines Kommentars ohne meine Zustimmung als 'Kommentar der anderen' abdruckte, also klaute, mit unserem Cover kontrastierte und mit dem Zusatz versah, wir seien ,vom Zug gestreift'. Ich mach's wieder gut und schicke Ihnen eine Honorarnote." - An diesem Zwölftel des letzten Thurnher-Editorials stimmt so gut wie nichts:

1. Das im STANDARD vom 1. 9. publizierte Kommentarfragment (nebstbei nur ein schwaches Fünftel vom ganzen) war unmissverständlich als Zitat ausgewiesen. Trotzdem zahlen wir - im Sinne der Schadensbegrenzung - gerne und legen für die Reproduktion des Covers (vier Viertel!) noch ein paar Briefmarken dazu ...

2. Der "Zusatz" reduziert zwei Viertel meiner Anmerkung ohne meine Einwilligung auf ein Sechzehntel und verfälscht so auch deren Sinn:

Tatsächlich endete die redaktionelle Klammer zum Thurnher-Zitat mit dem an den Erfinder der Bild-Text-Konstruktion gerichteten Satz: "Wir verleihen dem ingeniösen Cover den Titel ,Vom Zug gestreift'." Was, mit Verlaub, der Akkuratesse des Originals "Hier endete Wolfgang Priklopil" um nichts nachsteht, den Sachverhalt aber, einfühlsam, wie wir sind, verkehrstechnisch präzisiert.

3. Apropos sensibel: In einer anderen Teilmenge o.g. Editorials verteidigt Thurnher das Cover gegen empörte Leser u.a. mit dem Argument, man habe ein "dokumentarisches Foto" bringen wollen (gibt es - im journalistischen Kontext - andere?) das "niemandes Persönlichkeitsrechte verletzt"(Priklopils Mutter dankt) und sich daher dafür entschieden, einen "leeren Schauplatz" zu zeigen. Bloß: Der, den man sieht, ist es nicht. Nichts spricht gegen das Foto, hätte man es tatsächlich als solches belassen und als Bild-Unterschrift etwa geschrieben: Schnellbahnhof Praterstern - Hier endete (wenns denn unbedingt sein muss), Wolfgang P.. Alles aber spricht gegen einen Cover-Ingenieur, der diesen Satz in Headline-Balken vor einem herannahenden Zug mitten auf die Gleise knallt und so den armen Priklupil buchstäblich zur Strecke bringt (da liegt er, da pickt er, unter den gelben Lettern nämlich - auch ohne "Pfeil, Blut und Kreideumriss". Ist das wirklich so schwer nachzuvollziehen?

Im übrigen, mein Gott, Armin: Ich habe keinen Leitartikel zu einem "Skandal" verfasst, sondern eine, wie mir schien, lesenswerte Passage deines Editorials mit einem kleinen Widerhaken versehen. Mehr sollte es nicht sein. Mehr war auch nicht. Also mach aus einem Häkchen kein Stahlmantelgeschoss und heb dir die "Mediennmoral"-Keule samt Langfinger-Vorwurf für gewichtigere Anlässe auf.

Mischa Jäger

(DER STANDARD; Printausgabe, 16./17.9.2006)

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