Dramatik, Politik, Kitsch

28. Juni 2000, 19:03

Kopf der Woche: Marlene Streeruwitz

Wien - Ihren literarischen Durchbruch hatte Marlene Streeruwitz Anfang der 90er Jahre als Dramatikerin mit Stücken wie "Sloane Square" und "Waikiki-Beach". Mittlerweile ist die österreichische Autorin, die immer wieder auch als Regisseurin gearbeitet hat, vor allem als Prosa-Schriftstellerin und Verfasserin von Kommentaren zur politischen und gesellschaftlichen Situation bekannt. Am 28. Junihatte Marlene Streeruwitz ihren 50. Geburtstag.

Streeruwitz wurde in Baden bei Wien geboren, hat Jus, Slawistik und Kunstgeschichte studiert, arbeitete als Journalistin bei einer Öko-Zeitschrift ("Natur ums Dorf") und für Aktionen der Landschaftswiederherstellung. Sie ist Ende der 80er Jahre zunächst als Verfasserin von Hörspielen wie "Der Paravent", "Alkmene", "Schubertring" und "Yocasta, you'd better leave" hervorgetreten, bei denen sie oftmals auch selbst Regie führte.

Bühnenautorin

Ihre ersten Erfolge als Bühnenautorin hatte sie in Deutschland, wo sieben von ihren bisher zehn Stücken uraufgeführt wurden. Den Anfang machten 1992 Torsten Fischers Uraufführungen von "Sloane Square" und "Waikiki-Beach" am Kölner Schauspielhaus, die ihr den Titel "Nachwuchsautorin des Jahres" der Zeitschrift "Theater heute" einbrachten. In der Folge standen ihre Stücke - hinter den exotisch klingenden Titeln verbergen sich Alltagssituationen an oft tristen Schauplätzen, in die literarische Zitate beispielsweise von Goethe oder Shakespeare eingearbeitet sind, wenn etwa in "Ocean Drive" ein Drogenhändler wie Richard III. um eine Frau wirbt - auf den Spielplänen vieler deutscher Theater. "New York. New York", "Elysian Park", "Ocean Drive", "Bagnacavallo" und "Dentro" wurden zum ersten Mal in Deutschland gezeigt.

Österreichische Bemühungen

In Österreich wurden bisher nur zwei ihrer Stücke - "Tolmezzo" in Wien und "Brahmsplatz" in Graz - aus der Taufe gehoben. Dass heimische Bühnen Streeruwitz-Stücke bisher eher vernachlässigt haben, könnte sich aber der nächsten Saison ändern. So hat der steirische herbst die Autorin heuer nicht nur als Eröffnungsrednerin eingeladen, sondern auch ein Stück in Auftrag gegeben. Uraufgeführt wird es am österreichischen Nationalfeiertag von der in Deutschland lebenden Japanerin Kazuko Watanabe. Das Stück heißt "Sapporo" und spielt auf die Winterolympiade an, bei der Österreich durch den Ausschluss des Schiläufers Karl Schranz eine "große Kränkung" erlitten hat. Zudem bringt das Wiener Volkstheater die österreichische Erstaufführung von "Waikiki Beach". "Ich bin eine Kitschfanatikerin"

Als Prosa-Autorin trat Streeruwitz 1996 mit "Verführungen" hervor, die ihr in Deutschland prompt den für Romandebuts reservierten Mara-Cassens-Preis einbrachten. In der für sie typischen, schmucklosen, stakkatoartigen Sprache - Haupt-, Halb- oder Nicht-Mal-Halbtsätze - erzählt sie darin die Geschichte einer allein erziehenden 30-jährigen Frau, die sich mit wechselndem Erfolg durch den Alltag kämpft. Im Jahr darauf folgte "Lisa's Liebe", ein dreibändiger Roman über eine Frau auf der Suche nach der großen Liebe, der zuletzt auch in der optischen Aufmachung an im Supermarkt erhältliche Heftchenromane erinnert. Kitsch ist überhaupt ein integrativer Bestandteil in der Arbeit der bekennenden "Kitschfanatikerin" Streeruwitz, Er ist ein Sprungbrett in die Untiefen und Albträume des Alltags. Zuletzt veröffentlichte Streeruwitz den Roman "Nachwelt" (1999), "Die Erzählung Majakowskiring" sowie die Science-Fiction-Geschichte "Dauerkleingartenverein 'Frohsinn'" (2000).

(APA)

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