Und täglich grüßt das Knuddel-Taschenmonster

27. Juni 2000, 16:13

Astrid Kasparek über das Phänomen Pokémon

Pokémon - die beliebten kleinen Helden der Kinderzimmer werden zunehmend zum Hassobjekt von Eltern und LehrerInnen

"Leider, wieder mal ausverkauft." "Nein, Pokémon-Sticker kommen erst wieder nächste Woche." Auch in zwei weiteren Trafiken dieselbe Antwort. Traurige Kinderaugen, genervte Mütter und Väter. Seitdem 1996 die Firma Nintendo ein Computerspiel auf den Markt gebracht hat, wo kleine bunte Minikampfmaschinen (Pocket-Monster) ihre Kräfte beweisen und gegeneinander kämpfen, hat sich die Welt der Kinder grundlegend verändert. Ein regelrechtes Pokémon-Fieber hat sich ausgebreitet - weltweit.

Die lieben Kleinen träumen in Pokémon-Bettwäsche vom Pokémon-Kinofilm, wachen auf und lächeln dem Pokémon-Riesenposter zu, nehmen ihr Frühstück aus Pokémon-Geschirr zu sich, schnappen sich die Pokémon-Schultasche, gefüllt mit hunderten von Pokémon-Aufklebern und machen sich auf den Weg zur Schule, um dort die bunten Pocket-Monster-Sticker für ihre Pokemon-Alben zu tauschen, handeln, kaufen und verkaufen. So sieht er derzeit aus, der Alltag eines Großteils der Sieben- bis Zehnjährigen. "Am Schulhof gehts zu wie auf dem Bazar in Istanbul" jammern Pokemon-geplagte LehrerInnen. Aus diesem Grund haben in vielen Schulen die virtuellen Knuddelmonster bereits Hausverbot.

Denn die fanatische Sammelwut der Kinder führt immer öfter leider auch bis zur Kleinkriminalität. Vor allem in den USA und Großbritannien gab es neben einem regen Handel mit gefälschten Stickern auch bereits zahlreiche Vorfälle, wo kleine und schwächere Kinder überfallen, erpreßt und sogar ihrer bunten Aufkleber beraubt wurden.

Gier und Besessenheit

Die Gier der Kinder nach den begehrten Kultsammelobjekten wird zum Teil aber auch künstlich geschürt. Denn es dauert sehr lange bis man alle 151 klebrigen Exemplare in Bildchenform zusammen hat. Dabei scheint es so, als würde der Hersteller (Nintendo) einen Teil der Sticker-Karten bewusst zurückhalten. Eine Marketingstrategie , die unverantwortlich ist, die Hersteller verdienen hier an der Besessenheit der Kinder. Bei Internet-Auktionen haben einzelne Karten schon Preise von fast 6.957 S (506 Euro) erzielt. Auf Schulhöfen werden die Karten für bis zu 700 Schilling gehandelt. Die Firma Nintendo erzielte allein mit dem Vertrieb der Pokémon-Sammelkarten bisher einen Umsatz von rund 409 Mill. Euro (5,63 Mrd. S).

New-Age-Reaktion auf Pippi Langstrumpf

Psychologen können dem Pokémon-Wahn aber trotzalledem auch seine guten Seiten abgewinnen und Eltern sollten die Kultfiguren keinesfalls aus den Kinderzimmern verbannen - auch wenn sie bereits noch so genervt sind. Denn Kinder brauchen ihre Helden und letztendlich sind die Pokémon so etwas wie eine New-Age-Reaktion auf Pippi Langstrumpf und Glanzbildchen. Die Sammelleidenschaft entspreche aus psychologischer Sicht dem kindlichen Wunsch, Dinge zu ordnen, zu sortieren und zu tauschen.

Die Pokémons sind kleine, niedliche Wesen, brabbeln unbeholfen vor sich hin, haben putzige Namen wie Pummeluff, Pikachu oder Schiggy, können aber ungeheuerliche Kräfte entwickeln. Diese kleinen, putzigen aber starken Fantasiefiguren unterstützten kindliche Allmachtsfantasien und sind eine wichtige Hilfe zur Bewältigung von Unterlegenheitsgefühlen gegenüber Erwachsenen. Bedenklich wird der ganze Pokémon-Rummel erst dann, wenn sich die Kinder mit Filmen, Bildchen, Figuren und Gameboys komplett in die Monsterwelt zurückziehen und ganz in der fiktiven Welt leben.

Um das zu verhindern sind wir Mütter und vor allem auch die Väter gefordert den Kids geeignete Freizeit-Alternativen anzubieten und den Nachwuchs eben nicht ständig der Obhut von virtuellen Freunden wie Pikachu und Pummeluff zu überlassen.

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