Wahlforscher Jenny: "Eher verwunderlich, wie eng die Ergebnisse oft beieinander liegen"

17. Oktober 2006, 19:17
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Der Politologe im derStandard.at- Interview über das Für und Wider von Stich­proben­befragungen, Stimmengewichtung und das Gespräch am Mobiltelefon

Die unterschiedlichen Ergebnisse von Wahlforschungsinstituten wundern den Politologen Marcelo Jenny wenig. Im Gegenteil: Dass sie so nah aneinanderliegen, sei angesichts des langen Weges von der Auswahl der Stichprobe bis zur Prognose eher bemerkenswert, so Jenny im Gespräch mit derStandard.at. Die Fragen stellten Ina Freudenschuß und Sonja Fercher.

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derStandard.at: Wahlumfragen geben vor, "repräsentativ" für eine Bevölkerung zu sein. Welche Rolle spielt die Stichprobe dabei?

Jenny: Die Stichprobengröße und die Frage der Repräsentativität einer Stichprobe haben nicht direkt miteinander zu tun. Je größer die Stichprobe ist, desto genauer wird das Ergebnis. Die Repräsentativität hängt davon ab, nach welcher Art die Stichprobe ausgewählt wird bzw. von den nachfolgenden Schritten bei der Befragung. Auch hängt sie davon ab, welche Korrekturverfahren bei der Auswertung der Ergebnisse angewendet werden. In der Theorie kann man zeigen, dass eine Zufallsstichprobe einen für die Bevölkerung repräsentativen Wert liefern wird, unter der Annahme, dass auch allfälligen Ausfälle (also jene, die nicht erreicht wurden oder nicht antworten wollen) zufällig verteilt sind.

Ziel einer Bevölkerungsumfrage mittels einer Stichprobe ist, Aussagen über eine Zielgruppe, die Grundgesamtheit oder Zielpopulation, insgesamt zu machen. Man befragt aber nur einen kleinen Teil dieser Zielgruppe. Das hat klare Vorteile bezüglich Machbarkeit, Zeitaufwand und Kosten. Viele Erkenntnisse, die die Umfrageforschung produziert hat, würde es sonst nicht geben. Projekte, die Vollerhebungen vorsehen, bei denen alle oder zumindest fast alle befragt werden sollen, können an diesen Hürden scheitern, wenn die Zielpopulation einfach zu groß ist.

derStandard.at: Welche Nachteile ergeben sich durch Stichprobenumfragen?

Jenny: Wir haben ein Problem mit der Genauigkeit der Ergebnisse. Man möchte beispielsweise die tatsächliche Verbreitung einer Meinung in der Zielpopulation wissen, hat aber nur einen Prozentwert für die Stichprobe. Hier kommen die sogenannten Schwankungsbreiten ins Spiel, die mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit (in der Regel 95 Prozent) den Bereich festlegen, von dem der Wert der Zielpopulation vom Wert der Stichprobe abweichen kann. Bei kleinen Stichproben sind diese "breiter" als bei großen, aber mit zunehmender Stichprobengröße gewinnt man irgendwann nicht mehr viel an zusätzlicher Genauigkeit hinzu, während Kosten- und Zeitaufwand weiterhin steigen.

Kritik an zu kleinen Stichprobengrößen gibt es meist in Situationen, in denen man es ganz genau wissen möchte, ob beispielsweise eine Kleinpartei den Einzug in den Nationalrat schafft oder verpasst. Wenn man innerhalb der Schwankungsbreite eines Umfrageergebnisses sowohl zum einen als auch zum entgegen gesetzten Schluss kommen kann, hat die Umfrage schließlich keinen großen Erkenntnisgewinn erbracht.

Der andere Nachteil stichprobenbasierten Umfragen ist, dass man sich bei der Planung, Durchführung und Auswertung einer Umfrage der Frage widmen muss, ob die Repräsentativität der Ergebnisse in diesem Prozess bestmöglich abgesichert wurde. Es gibt aber nur selten eine objektive Meßlatte in Form der Ergebnisse einer Vollerhebung wie die Bevölkerungszählung oder eben eine allgemeine Wahl, an der man die Repräsentativität der Umfrage messen kann.

derStandard.at: Wie gleicht man dabei die zunehmende Unerreichbarkeit der WählerInnen, beispielsweise durch Wechsel auf mobile Telefonanschlüsse aus?

Jenny: Das ist wenig erforschtes Terrain. Das goldene Zeitalter der telefonischen Umfrageforschung definiert sich über einen Telefonanschluss in jedem Haushalt bei einem Monopolanbieter, der eine vollständige, aktuelle Liste der Telefonanschlüsse führt. Und davon geht es immer weiter weg. Man kann versuchen, die schwer Erreichbaren bereits bei der Stichprobenziehung stärker zu berücksichtigen, sofern man dazu über eine Information wie "hat nur einen Mobiltelefonanschluss" verfügt oder man kann nachträglich eine Korrekturgewichtung versuchen.

Das Problem hat viele Facetten. "Random Digit Dialling" ? das Anrufen einer zufallsgenerierten Nummer war eine frühe, teilweise Antwort. Aber auch das wird bei der zunehmenden Zahl der Telefonanbieter, der Internettelefonie und Erreichbarkeit allein über ein Mobiltelefon schwieriger. Bei einem Anruf am Mobiltelefon reagieren die Leute anders als bei einem Anruf im eigenen Haushalt. Die Erreichbarkeit ist zwar größer, dafür wollen die Leute weniger Auskunft geben. Am Arbeitsplatz will man zum Beispiel nicht gern über die Wahlentscheidung Auskunft geben, usw.

derStandard.at: Kommen für Wahlumfragen nur quantitative, also standardisierte Befragungen zum Einsatz, oder werden auch qualititative Methoden hinzugezogen?

Jenny: Standardisierte Fragebögen sind die Regel. Diese können einige wenige offene Fragen enthalten, die dann wieder verkodet werden, um quantitativ ausgewertet zu werden. Qualitative Methoden verwendet man, wenn man "tiefer" in die Materie einsteigen will. Das bedeutet mehr Aufwand, Zeit und Geld. Daher geht?s dann bei der Stichprobengröße meist deutlich runter. Das wird gemacht, um bei Zielgruppen Eindrücke über Wahlkampfslogans und ?plakate zu sammeln. Auch Gruppenbefragungen bzw. -diskussionen in Form von Fokusgruppen sind gängiger Bestandteil wahlkampfbegleitender Forschung.

derStandard.at: Woran liegt es, dass Wahlforschungsinstitute der Öffentlichkeit unterschiedliche Ergebnisse präsentieren, obwohl sie die Umfrage zur gleichen Zeit durchgeführt haben?

Jenny: Das ist ja schon aus der Stichprobentheorie her zu erwarten. Ideal ist es, wenn die Ergebnisse der Umfragen in den Schwankungsbreiten der anderen liegen.

Aber der Prozess von der Auswahl der Stichprobe, der Durchführung der Interviews bis zur Ergebnisanalyse - unter Umständen auch noch inklusive Prognose - besteht aus so vielen Schritten, bei denen es Unterschiede in der Vorgangsweise der Institute geben kann, dass es eher verwunderlich ist, wie eng die Ergebnisse oft beieinander liegen.

derStandard.at: Zählt jede Stimme gleich viel, oder werden die Aussagen über verschiedene Parteien auch unterschiedlich "gewichtet"? Wenn ja, wie und auf welcher Grundlage?

Jenny: Vielleicht gibt es noch Puristen, die den Standpunkt verteidigen, dass mit einer sauber gezogenen Zufallstichprobe allein bereits die Repräsentativität der Umfrageergebnisse gewährleistet sei, weil die Ausfälle in der Erhebungsphase auch rein zufällig ausfallen würden. In der Praxis aber ist die Furcht vor systematischen Ausfällen in der Erhebungsphase, die ergebnisverzerrend wirken, so groß, dass man anschließend bei den tatsächlich erzielten Interviews eine Korrekturgewichtung vornimmt. Die soziodemographische Zusammensetzung in der Umfrage wird mit Daten zur Zusammensetzung der Zielpopulation, z.B. aus der Volkszählung, verglichen. Wenn es zu wenig Interviews innerhalb bestimmter Gruppen gab, erhalten sie ein größeres Gewicht, im umgekehrten Fall wird heruntergewichtet. Häufig wird in diese Korrektur auch das bisherige Wahlverhalten miteinbezogen. In einer Umfrage kommt selten das letzte Wahlergebnis zustande, wenn man nach der Stimmabgabe bei der letzten Wahl fragt.

derStandard.at: Umfrageergebnisse können immer weniger das Wahlergebnis prognostizieren. Welche Gründe gibt es dafür?

Jenny: Böse gesagt: Wenn?s immer mehr davon gibt, wird?s auch einige geben müssen, die daneben liegen. Aber das Übel liegt in der Prognose einerseits, bei den spät entscheidenden Wählern andererseits. Die Umfrage kann nur die Wahlabsichten der Befragten aufzeichnen, nicht die tatsächliche Handlung. Als Daumenregel zur Beurteilung der Prognosequalität würde ich den zeitlichen Abstand zwischen der Umfrage und der Wahl heranziehen. Je näher an der Wahl, desto näher am Wahlergebnis sollte sie liegen - wieder innerhalb der Schwankungsbreiten, die man aufgrund der Stichprobe nicht los wird. Einer Prognose einen Monat vor der Wahl, gestehe ich zu, dass sie weit daneben liegen darf. Und wenn sie es nicht tut, dann war es ein glücklicher Zufall. Ein Exit Poll am Wahltag, wie ihn der ORF in seiner Wahlshow als Prognoseinstrument einsetzt, liefert ein ganz gutes Ergebnis. Außer in Sondersituationen, wenn der Wahlkampf stark polarisiert ist und die Stimmabgabe für bestimmte Parteien gegenüber Interviewern lieber nicht zugegeben wird.

Antworten zum vergangenen Wahlverhalten stimmen auch immer weniger, je größer der zeitliche Abstand zur Wahl ist. Die Interpretation der Wahlergebnisse durch die Parteien und Medien, die absehbare neue Regierung, enttäuschte Hoffnungen und ähnliches führen dann zu nachträglichen "Wählerwanderungen" bei der Umfrage.

derStandard.at: Inwieweit beeinflussen Wahlumfragen die politische Entscheidung bei der Wahl?

Jenny: Es gibt eine Reihe von Effekten, die für einzelne Wahlen identifiziert wurden: Bandwagon, Mitleidseffekt, horse race und so weiter. Aber ich bezweifle, dass diese Effekte immer zu Gunsten derselben Partei und in gleicher Stärke zu Gute kommen oder schaden. Das dürfte von der jeweiligen Ausgangslage für die Parteien und dem Wahlkampf selbst abhängen.

Das österreichische Wahlsystem ist durch die verschiedenen Verrechnungsebenen ziemlich fair. Aber es gibt natürlich Einstiegshürden - Prozentklausel oder Grundmandat -, die gerade bei dieser Wahl besonders relevant sind. Insofern wird es interessant sein, ob die Wahlforschung nach der Wahl Belege dafür findet, dass sich WählerInnen von veröffentlichten Meinungsumfragen zu einer Stimmabgabe für oder gegen eine der Parteien, für die es knapp wird, motivieren ließen.

Zur Person:

Der Politikwissenschaftler Marcello Jenny arbeitete über mehrere Jahre in der Wahlforschung. Derzeit ist er Universitätsassistent an der Universität Mannheim.

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Der Politikwissenschaftler Marcelo Jenny arbeitete über mehrere Jahre in der Wahlforschung. Derzeit ist er Universitätsassistent an der Universität Mannheim.
    foto: marcello jenny

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    Der Politikwissenschaftler Marcelo Jenny arbeitete über mehrere Jahre in der Wahlforschung. Derzeit ist er Universitätsassistent an der Universität Mannheim.

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