Eagle*Seagull: "Eagle*Seagull"

29. Oktober 2006, 19:25
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Das Sextett aus Nebraska beeindruckt mit einem Debüt-Album, für das andere Gitarrenbands jahrelange Erfahrung sammeln müssten

Was für ein Jammer, dass das für Ende September geplante Wien-Konzert von Eagle*Seagull abgesagt wurde: Es wäre die Gelegenheit gewesen eine Band zu erleben, die noch zu neu ist, um kanonisiert zu sein - bei der aber absehbar ist, dass sie in kurzer Zeit eine von denen sein wird, die jeder für groß hält, jeder sehen muss, jeder schon immer gekannt hat.

"Nenne Vergleichsbands und ich weiß, ob es mich interessieren könnte": Diesem LeserInnen-Grundbedürfnis nachzukommen ist im Fall von Eagle*Seagull nur bedingt hilfreich - zu vielfältig die Verweise. Wer in einem Song eine ähnlich euphorisierende Wirkung wie The Arcade Fire erzielt (ohne allerdings vergleichbar anstrengend zu sein), und im nächsten bereits die Tindersticks an Melancholie übertrifft, deckt ein weites Feld ab. Die Letztgenannten dürften jedenfalls vom traurig-schönen Keyboard-Schummern in Songs wie "Lock and Key" oder "Death Could Be At the Door" beeindruckt sein; und erst recht von der wunderschönen Pianoballade "Holy".

"Everyone is holy ..."

Die Sechserbesetzung (fünf Männer und eine Frau) ermöglicht der Band um Sänger Eli Mardock ausladende Arrangements - weit entfernt von jedem Soundkitsch allerdings. Denn die überdurchschnittliche Songlänge wird konsequent genutzt, um mit Brüchen und Tempowechseln das starre Pop-Format aufzulockern. Siehe etwa die 6-Minuten-Bombast-Hymne "Photograph": Die Summe der einzelnen Teile - Gitarre. Bass. Schlagzeug. Klavier. Gesang. - ergibt im ersten Teil einen unaufhaltsam dahinstampfenden Zug mit blinkenden Positionslichtern (herrlicher Keyboard-Einsatz!), der nach dem Tritt auf die Tempobremse in Teil zwei statisch aufgeladene Schmetterakkorde wie eine Staubwolke hinter sich herzieht.

Eagle*Seagull stammen aus der Universitätsstadt Lincoln in Nebraska und damit aus dem ländlichen Herzen der USA. Countryklänge, falls jemand von der Geographie veranlasst danach sucht, kommen allerdings nur einen Song lang auf ("Hello, Never"). - Und in "Last Song" klimpert ein liebeskrankes Saloon-Piano vor sich hin ... wird gleich darauf aber schon vom nächsten Rocker ("Heal It/Feel It") samt allen Soundklischeevorstellungen weggefegt. Wie gesagt: Eagle*Seagull haben die seltene Eigenschaft, eine große klangliche Bandbreite abzudecken, ohne es dabei aber an Band-Profil missen zu lassen.

"... everyone's an angel"

Man ist versucht an Eagle*Seagull zu kratzen, ob unter der Oberfläche nicht doch eine Art All-Star-Band zum Vorschein kommt: zu gekonnt einfach das alles. - Aber nein, es bleibt dabei: Neue Band, beeindruckendes Debüt. (Josefson)

Links

Eagleseagull.com
(die Website ist nicht eben mit Informationen überfrachtet - aber es gibt ein Video- und mehrere Audiofiles)

... und noch mehr zum Anhören auf der myspace-Seite von Eagle*Seagull
  • Eagle*Seagull: "Eagle*Seagull" (Lado/SPV 2006)
    coverfoto: lado

    Eagle*Seagull: "Eagle*Seagull" (Lado/SPV 2006)

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