Was der Mörder träumt

5. April 2007, 15:03
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Eine Bildgeschichte, die zwar nicht mit Mozart, stattdessen aber mit einem Backhuhn oder einem Mörder beginnen könnte

Diesen Sommer, in einem Kainacher Wirtshaus, oder vor zwanzig Jahren in einer Wohnhausanlage in Mautern. Wobei dem schwülen Kainacher Augusttag für jene Augenblicke noch Vortritt gelassen werden soll, da nicht nur eine Riesenportion Backhuhn vor mir auf dem Tisch stand, sondern auch zwei Männer das Wirtshaus betraten, grüßten und sich zwei Tische weiter setzten.

Der eine bestellte ein Cordon Bleu und ein großes Bier, der andere studierte die Speisekarte ausgiebiger, meinte jedoch auf die Zwischenfrage der Wirtin, ob es ebenfalls ein Bier zum Trinken sein dürfe: "Na, koa Bia. Übahaupt, scho länga, goa koa Alkohoi, goa nix mea." - "Wos", konterte die Wirtin im Weggehen und drehte sich noch einmal halb zu ihm um, "goa nix mea? A koan Sex mea?" Der Mann antwortete irgendetwas Ausweichendes, worauf ihm die Wirtin riet, die natürlich längst wusste, dass ich zwei Tage später ebendort am Start stehen sollte: "Waast Fraunz, waunst a den Beagmarathon rennast, brauchazt a koan Sex nimma!"

Im Grunde wäre es jetzt Zeit für den Mörder. Denn die Anspielung der Wirtin gefiel mir gar nicht. Stattdessen bestellte ich nur ein weiteres Bier und überging auch die Warnsignale, die das Backhuhn in mir auszusenden begann. Dabei müsste ich doch, wollte ich die Unterstellung vom Tisch haben, der Bergmarathon wäre für mich nur eine Art Ersatzhandlung, nicht einmal einen Mord ins Spiel bringen. Allein der Spitzname Pumpgun-Ronnie genügte, und auch der Wirtin fiele ein, dass der Bankräuber und Mörder Johann Kastenberger 1988 in Kainach einen bis heute gültigen Streckenrekord gelaufen wäre. Was wiederum mir, seit ich ein Buch über ihn geschrieben hatte, immer wieder Gedanken einer Teilnahme am Bergmarathon durch den Kopf geistern hatte lassen. Doch hatte sich erst diesen Sommer, mit dem Beginn der Arbeiten an einer Verfilmung, auch der entscheidende Anstoß dafür gefunden.

Zigarettenrauch vor der Nase

Eine Zeit lang kämpfte ich dann noch mit dem Backhuhn, gab vor dem letzten Flügerl aber auf. Natürlich bedachte mich die Wirtin prompt mit einem missbilligenden Blick. Während ich immer noch an den Mord denken musste. Und welche eigentümliche Befriedigung ich beim Schreiben jener Szene verspürt hatte, in der Kastenberger seinem Wifi-Kurs-Kollegen Erwin P. mit der Pumpgun ins Gesicht geschossen hatte, da ihm während der Kurspausen von P. immer wieder Zigarettenrauch vor die Nase geblasen worden war. Auch das erzählte ich der Wirtin natürlich nicht.

Genauso wenig auch von P.s kleinem Sohn, der in jener Mauterner Nacht, vom Schuss geweckt, schließlich hinter seiner Mutter im Vorzimmer aufgetaucht war und seinen Vater in einer sich rasch ausbreitenden Blutlache daliegen sehen hatte müssen. Und nicht nur der spöttische Wirtinnen-Blick war mit einem Mal vergessen, sondern auch dort, wo vorhin noch das Backhuhn so gedrückt hatte, verspürte ich plötzlich nichts als eine angenehme, satte Ruhe. Eine Ruhe, die Kastenberger selbst auf dem Siegerfoto von damals nicht anzusehen ist. Scheu, angespannt, steht er neben seiner Lebensgefährtin da, in keiner Weise ins Ziel gekommen. Dass man den Kainacher Bergmarathon aber - vor allem beim ersten Antreten - anders gar nicht gewinnen konnte, sollte mir erst zwei Tage später klar werden. Als mich bergauf längst distanzierte Läufer auf den steilen, schmalen Pfaden von der Rossbachhöhe hinunter in einem Höllentempo überholten, wie es mir bislang unvorstellbar gewesen wäre. Während es aber, kaum hatte ich jemanden vor mir, wiederum fast ein Kinderspiel zu sein schien, den Oberkörper ebenfalls um jenes Stück weiter nach vor zu legen, das selbst im steilsten Gelände aus schrittweisem Bremsen wieder richtig schnelles Laufen machte.

Kastenberger hingegen hatte nicht einmal zwischen den Latschenhängen auf 1800 Meter Seehöhe jemanden vor sich gebraucht. Solange er in Bewegung war, genügte er sich vollauf; erst hinter der Ziellinie war das wieder zu wenig. Hinter der Ziellinie hatte er vermutlich nicht einmal eine Vorstellung von sich selbst. Geschweige denn irgendeine Möglichkeit, mit sich und seinem Leben noch "auf gleich" zu kommen. Geträumt aber hatte er bestimmt davon. Bis zuletzt. Vielleicht sogar in solch unbeschwerten Bildern, wie sie nicht einmal in der Fremdenverkehrswerbung vorstellbar sind. Denn wer anders als der, dem jede Idylle unerreichbar ist, sollte davon auch intensiver träumen - als der Mörder, der erst ankommt, da ihm sein eigener Schuss in den Kopf fährt. In einem Augenblick Traum. (Martin Prinz/Der Standard/Rondo/15/09/2006)

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