MA 48: Vom Kriegs-Schutt zum Müllberg

15. November 2006, 15:49
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60. Geburtstag der "Orangen" - Hunderte Millionen werden investiert, um der Müllberge Herr zu werden

Die "Orangen" feiern Gebrurtstag: Als sie vor 60 Jahren im zerbombten Wien mit dem Mistwegräumen begannen, mussten sie um Werkzeug schnorren. Jetzt werden Hunderte Millionen investiert, um den Müllbergen der Wegwerfgesellschaft Herr zu werden.

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Wien – Derzeit werden 235 Millionen Euro für Mist ausgegeben: Im ursprünglichsten Sinn des Wortes: Bis 2008 soll die drittte Wiener Müllverbrennungsanlage in der Pfaffenau in Betrieb gehen, in der dann jährlich bis zu 250.000 Tonnen Restmüll in Flammen aufgehen sollen – auf dass mit dem Dreck jährlich etwa 65 Gigawattstunden Strom und 410 Gigawattstunden Fernwärme erzeugt werden. Und gleich daneben schon 2007 die Biogasanlage, mit deren Hilfe auch innerstädtischer Biomist zu Strom und Wärme werden soll.

Ein Jahr zuvor gedenken die Mistsammler von Wien, wie sie früher, in den Nachkriegsjahren, wie die ganze Stadt bei Null wieder anfangen mussten: Donnerstag feierte die MA 48 (Abfallwirtschaft und Fuhrpark) mit 1500 "Orangen" ihren 60 Geburtstag in der Garage Hernals.

Der Heimkehrer

Als der Kriegsheimkehrer Josef Stach damals, im Jahr 1945, seinen Dienst in der Hauptwerkstätte antrat, fragten sie ihn: "Haben Sie Werkzeug mit? Wir haben keins." Sie suchten ausgebrannte Wracks auf den Straßen, bastelten aus dreien ein brauchbares Gefährt; bastelten aus Holz Führerhäuser, Bordwände und sogar Schneepflüge.

In den Straßen und Hinterhöfen der Stadt hatten sich rund 200.000 Kubikmeter Mist angesammelt – dazu rund 850.000 Kubikmeter Schutt zerbombter Häuser. Der Fuhrpark bestand aus vier Fahrzeugen, zwei der drei_Großgaragen waren von Bomben zerstört. „Der Mist muss unbedingt weg. Die Müllabfuhr muss vollzogen werden“, befand Bürgermeister Theodor Körner – also wurde 1946 die „Magistratsabteilung 48 – Fuhrwerksbetrieb und Straßenpflege“ gegründet. Die ersten Anstrengungen waren verzweifelte – die 48-er war damals noch für ganz „Groß Wien“ mit 26 Bezirken zuständig – erst zwei Jahre später konnten fünf neue Mistfahrzeuge angeschafft werden.

Tops und Flopps

Naturgemäß waren die von der 48-er in den nächsten Jahrzehnten auch die ersten, die direkt mit den Folgen der Abfallgesellschaft konftrontiert waren. In der Folge wurde versucht, den Müllbergen durch getrennte Sammlungen Herr zu werden. 1956 wurde bereits ein erstes Kompostwerk eingerichtet – 1977 mit der Altglassammlung begonnen – ab 1986 wurde die getrennte Sammlung von Problem- und Altstoffen eingeführt. Nicht immer mit Erfolg: Der größte Flop: Der Bau des Rinterzeltes, das niemals in der Lage war, wie versprochen, das Müllproblem der Stadt durch Aufbereitung zu lösen.

Heute ist die MA 48 ein Betrieb mit einem Fuhrpark von 1130 Kraftfahrzeugen und 3300 Mitarbeitern. Orange sind sie übrigens seit 1978. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD - Printausgabe, 15. September 2006)

  • Ein Bild des Übergangs: Nach dem Wegräumen der Kriegsschäden das Wirtschafts-wunder und das fröhliche Wegwerfen. Die "48-er" bekam das als erste zu spüren.
    foto: ma 48

    Ein Bild des Übergangs: Nach dem Wegräumen der Kriegsschäden das Wirtschafts-wunder und das fröhliche Wegwerfen. Die "48-er" bekam das als erste zu spüren.

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