Die Medienkriege

2. Oktober 2006, 11:28
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Kolumne von Paul Lendvai

Das Verhältnis zwischen politisch-finanzieller Macht und unabhängigem Journalismus, der innere Zusammenhang zwischen der freiheitlichen Demokratie und der Freiheit der Berichterstattung, die Krise der Printmedien und die Bedrohung durch das Internet waren die Hauptthemen des "M100", eines internationalen Medienkolloquiums in Potsdam. Zum zweiten Mal waren am 8. und 9. September über 100 Medienvertreter aus aller Welt ins Schloss Sanssouci in Brandenburg gekommen, um über den "Kampf der Kulturen" und die internationalen Herausforderungen zu diskutieren.

Während im Vorjahr die Perspektiven der EU nach dem Zusammenbruch des Verfassungsprojektes das Hauptthema bildeten, standen diesmal die Rolle, die Verantwortung und die Zukunft der Medien im Mittelpunkt leidenschaftlicher Diskussionen der Medienmacher selbst. Dass das Selbstverständnis oder die Selbstvergewisserung der Branche von Friede Springer, Chefin des mächtigsten Zeitungskonzerns Deutschlands, bis zu den jungen Journalisten aus Estland oder Rumänien die Medienmacher am meisten interessierte, war freilich auch bei den Plenarveranstaltungen mit illustren Gästen im Raffael-Saal der Orangerie und in den Neuen Kammern vom Schloss Sanssouci zu spüren.

In ihrer Laudatio zum "M100"-Medienpreis auf Bernard Kouchner, den Gründer der "Ärzte ohne Grenzen", betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel, das "Über-den-Tellerand-Schauen" sei so nötig wie nie. Sie warf auch die Frage nach den Grenzen fairer Berichterstattung am Beispiel Israel-Hisbollah auf. Die Macht der Bilder verdränge Zusammenhänge und Hintergründe: "Ich will selbstbewusste Medien; vergessen sie die Sprache nicht." (Ein Hinweis wohl darauf, dass die Hisbollah nur von ihr manipulierte Szenen filmen bzw. fotografieren ließ.) Auch der französische "Star-Philosoph" Bernard-Henri Levy hob, unter anderem am Beispiel des Nahen Ostens und an der Berichterstattung über die Waffen-SS-Mitgliedschaft von Grass, die Schlüsselrolle der Medien bei der Formulierung einer differenzierten Wahrheit hervor.

Offen und leidenschaftlich diskutierte man in drei Arbeitsgruppen auch über die Bedrohung der Pressefreiheit durch den Druck des fundamentalistischen Extremismus, symbolisiert durch den Karikaturenstreit. Der Chefredakteur des dänischen "Politikens", Toger Seidenfaden, der ein ganzes Buch über "Die Karikaturenkrise" verfasst hatte, wies auf den enormen und unterschätzten Siegeszug des Internets hin und plädierte für die Konzentration der Printmedien auf Kommentare und Hintergrundberichterstattung als Weg zum Überleben.

Andere, wie etwa ein bekannter britischer Bankier, warnten vor dem Internet im Hinblick auf die Nahost- Spannungen, dass dieses nicht mehr in den Griff zu kriegen sei. Matthias Döpfner, Vorstand der Springer AG, trat allerdings energisch gegen das "apokalyptische Gerede" über den Sieg des Online-Journalismus und den Niedergang der Printmedien auf.

Angesichts der vielen Aspekte politischer, ideologischer und technologischer "Medienkriege" war dieser vom Lord Weidenfeld, dem britischen Verleger mit Wiener Wurzeln, initiierte Mediengipfel in Potsdam eine wichtige Veranstaltung. Wie John Lloyd (Financial Times), Direktor des neuen Journalistenzentrums an der Oxforder Universität, selbstironisch formulierte, sei allerdings die Zeitungskultur der Kaffeehäuser im journalistischen Alltag angesichts enormer Produktivitätssteigerungen der jüngsten Zeit wohl unwiderruflich vorbei. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2006)

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