Klasnic oder die Politik des Alltäglichen

25. Juni 2000, 20:41

"Mensch sein und Mensch sein dürfen, das ist auch Politik"

Graz - "Bauchi ist wieder gut", habe ihr das Enkelkind noch kurz vorher ins Telefon geflötet. Und ohne es zu ahnen hatte die kleine Waltraud der großen Waltraud den Sinnspruch des Tages mit auf den Weg zum Landesparteitag in die Grazer Messe gegeben. Bauchi ist wieder gut. In der Partei darf wieder Bauch, darf Gefühl gezeigt werden.

"Mensch sein und Mensch sein dürfen, das ist auch Politik", postulierte die Landeshauptfrau am Samstag sinngemäß in ihrer Parteitagsrede. Die neue FPÖ-Spitzenkandidatin Theresia Zierler habe sie als "unpolitische Landesmutti" bezeichnet. Sie sei "gerne unpolitisch", wenn es darum gehe, "den Menschen zu helfen", lächelte die Landeshauptfrau in die Runde der 425 applaudierenden Delegierten - 98,3 Prozent von ihnen wählten sie letztlich wieder zur Parteiobfrau.

Die Erhebung des scheinbar Banalen zur politischen Kategorie, die Glorifizierung des Alltäglichen: Das ist Waltraud Klasnic. Das ist authentisch, aber auch pure Parteitaktik. Schon zu Beginn ihrer Amtszeit als Landeshauptfrau hatte sie ihren Parteiideologen ausgerichtet: "Mit Vordenkern allein gewinnt man keine Wahl." Ihr G'spür für die Anliegen der "kleinen Leut'" hat die Partei jedenfalls wieder aus dem Tief nach der letzten Wahl geführt, wo sie nur noch 2414 Stimmen von der SPÖ trennte. Klasnic kam am Samstag mit einer neuen Umfrage der Kleinen Zeitung zum Parteitag, die ihr bescheinigte, dass mittlerweile sogar die Mehrheit der SPÖ-Wähler sie gerne weiter als Landeshauptfrau sehen würden. Bei einer Direktwahl käme sie auf 63 Prozent, SPÖ-Kontrahent Peter Schachner-Blazizek auf lediglich 14 Prozent.

Bundesparteichef Wolfgang Schüssel spürte an diesem Tag in Graz, dass es nicht seine Veranstaltung war. Er wurde jubelnd empfangen und höflich verabschiedet. Es sprang einfach kein Funken über. Vielleicht haben sich die Steirer mittlerweile schon zu sehr an's "g'rad Reden" gewöhnt. Der Bundeskanzler wirkte aber auch irgendwie unkonzentriert, nicht so souverän wie gewohnt, und produzierte merkwürdige Wortgebilde ("Klasnic ist ein Anker mit dynamischem Motor").

Zur Gänze hat Klasnic freilich die alten (Un-)Tugenden der steirischen VP noch nicht abgelegt: "Es freut mich, dass Wolfgang Schüssel Bundeskanzler ist, dass heißt aber nicht, dass wir in Zukunft Rücksicht nehmen mit unseren Forderungen." (Walter Müller)

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