Blick in eine potenzielle Gegenwart

Redaktion, 25. September 2006 18:48

Nordamerikas Prärie könnte der afrikanischen Savanne ähneln, wäre nicht etwas noch Ungeklärtes geschehen - Überblick über eine verschwundene Megafauna

Kamele, Elefanten, Löwen, Geparden - Tiere, die heute jedes Kind sofort als typisch "afrikanisch" oder "indisch" identifizieren würde, waren einst genauso selbstverständlicher Bestandteil der nordamerikanischen Fauna. Heute ist der Kontinent an Großtieren überaus arm - doch das war einmal ganz anders, und zwar bis vor erdgeschichtlich gesehen sehr kurzer Zeit.

Als im frühen 20. Jahrhundert mit der archäologischen Auswertung der Teergruben von Rancho La Brea im Becken von Los Angeles begonnen wurde, offenbarte sich den PaläontologInnen ein ungeahnter Artenreichtum. Was frühere SiedlerInnen für die Überreste von im Teer versunkenen Rindern hielten, waren in Wirklichkeit die Fossilien unzähliger ausgestorbener Arten: die frühesten haben ein Alter von etwa 38.000 Jahren - die jüngsten reichen bis in die Gegenwart hinein, wie auch die Ausgrabungen in absehbarer Zeit nicht enden werden: laufend werden weitere Fossilien ans Licht geholt.

Verschwundene Artenfülle rekonstruiert

Das George C. Page Museum als Teil des Natural History Museum of Los Angeles County präsentiert die Funde - und bietet damit ebenso wie die dazugehörige Website www.tarpits.org einen Überblick über eine verschwundene Megafauna: Zu den Überresten heute noch in Nordamerika vorkommender Spezies (Bisons, Gabelböcke, Pumas) kommen solche, die nur noch in Südamerika anzutreffen sind (Lamas, Tapire, Jaguare) und gänzlich ausgestorbene nahe Verwandte von Spezies, die heute ausschließlich noch in der Alten Welt existieren: Rüsseltiere (Mammuts und Mastodons), der Amerikanische Löwe Panthera atrox oder das großgewachsene Westliche Kamel (Camelops hesternus). Und letztlich Tiere ohne jede heutige Entsprechung - zum Beispiel mehrere Arten tonnenschwerer Riesenfaultiere. - Skizzen der Fossilien und - weniger abstrakt - Rekonstruktionen des jeweiligen Aussehens der Tiere finden sich unter dem Shortcut: La Brea Flora & Fauna.

Die meisten dieser Spezies teilten nicht nur den Lebensraum ... sondern auch ein gemeinsames Schicksal. In einem erdgeschichtlich gesehen sehr kurzen Zeitraum vor etwa 13.000 bis 10.000 Jahren starben sie aus. Das fällt mit dem Ende der letzten nordamerikanischen Eiszeit zusammen, weshalb früher der radikale Klimawechsel für das Artensterben verantwortlich gemacht wurde. Allerdings hatten viele Spezies mehrere Wechsel von Eis- und Warmzeiten problemlos überstanden. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch ein neuer Faktor hinzugekommen: Während der letzten Eiszeit waren Menschen aus Nordasien auf dem amerikanischen Doppelkontinent eingewandert. Bejagung durch diese Einwanderer könnte die ansässige - vom Klimawandel gerade geschwächte - Megafauna buchstäblich ausgelöscht haben. Wirklich geklärt ist die Ursache des Artensterbens allerdings noch nicht, es bleibt eine Hypothese.

Prähistorischer "Blitzkrieg"

Diese "Blitzkrieg-" oder "Overkill-Hypothese" und die Folgerungen über menschliche Verantwortung sind heute ein Gegenstand kontroversieller Diskussionen; erst vor kurzem erregten Pläne Aufsehen, die eiszeitlichte Fauna Nordamerikas mit verwandten Tieren von anderen Kontinenten gleichsam als Wiedergutmachung an der Ökosphäre "wiederzubeleben". - Fakt ist, dass solche Vorhaben nur ein verzerrtes Bild dessen wiedergeben würden, was auf der La Brea-Website gezeigt wird: einen artenreichen Lebensraum einer so jungen Vergangenheit, dass sie - wenn alles nur ein wenig anders gekommen wäre - auch noch die Gegenwart sein könnte. (Josefson)

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24 Postings
Dust von Dust
31.12.2006 17:44
einwanderung aus europa

die indigenas, zumindest der teil der zur clovis kultur wurde, sind bei der eiszeit von europa über grönland nach amerika gelangt. ist archäologisch bestätigt aufgrund von klingen und nadel funden. die hopi haben es in ihrer mythologie.

bekiffter Computer
29.09.2006 11:31

Vielleicht war da auch die eine oder andere evolutionäre Sackgasse, in die sich die Tierchen verirrt haben.
Das ewige Wettrüsten - inkl. Aussterben - zwischen langen Zähnen und dicken Häuten hat man auf der Welt ja öfters "erleben" können... ^^

Eustreptospondylus
28.09.2006 15:58

Und warum gibts dann in Afrika auch heute noch eine Grossfauna??

Dort leben ja auch Menschen, und zwar schon länger als in Amerika?!

xray -
03.10.2006 00:42

aber keine Eiszeit

Mamonas
07.10.2006 11:25

Sind Sie sicher? ;-)

17+4
26.09.2006 09:10
PaläontologInnen - SiedlerInnen

warum dann nicht auch Löwen-Löwinnen, Geparden-Gepardinnen, Bisons-BisonInnen,
was soll das, das dient keiner Information.

Paläontologe und Siedler ist eine Gattungsbezeichnung und daher nicht geschlechtsabhängig.

so geschrieben ist das nur für Deppen-Deppinnen.

epep
26.09.2006 20:02
der unterschied:

ín einen fall handelt es sich um einen kulturellen sprachgebrauch. es gibt nicht nur maenner die siedeln und es gibt nicht nur maenner die berufe ausueben.
im anderen fall ist es ein wissenschaftlicher, ein kategorisierender sprachgebrauch.

Bender Rodriguez
27.09.2006 09:26
Zum Beispiel: http://derstandard.at/?id=2601549

Hier steht ganz klar Alkholiker und nicht AlkoherInnen. Selbiges finden sie bei Mördern, Verbrechern usw...

Die Tatsache dass das Binnen-I fast ausschließlich bei positiven Sachen (WissenschafterInnen, DoktorInnen, SiedlerInnen usw...) verwendet wird diskredidiert in meinen Augen diese ganze Sache und macht sie zu schließlich zu dem was sie eigentlich bekämpfen wollte: versteckter Sexismus.

17+4
27.09.2006 09:19
ich nehme einmal an, das

mit den -Innen macht Sinn, warum sprechen dann nicht besonders die feministinnen, die solchen sprachlichen Unsinn bis zum Exzess betreiben (wie z.b. bei den Abkürzungen Dr.in Mag.a usw), von Neanderthalern und Neanderthalerinnen, denn die als die uns nächst Verwandten waren ganz sicher auch als Individuen verschiedengeschlechtlich und haben dies sicherlich wie der jetzt lebende Mensch so empfunden.

Black Widdow
26.09.2006 08:50
Mir fällt dazu ein:

Viele Ethnologen führen manche kulturelle Phänomene (zB keine Radentwicklung, institionalisierter Kannibalismus) des Amerikanischen Kontinents auf den Mangel an Grosstieren zurück - scheint aber nicht zuzutreffen.

Knochenmann
26.09.2006 14:07

Wenn Menschen ein neues Gebiet erschließen, dann läuft das immer so ab: Erst werden die Großtiere weggefressen, dann die Kleintiere, dann alles andere was nicht schnell genug vom Teller krabbeln kann, und im Anschluss kommts dann zu Ackerbau... der wirderum ist die Grundlage für Sesshaftigkeit und Zivilsation.

Durch die Geographie Amerikas wurden die Grosswildbestände aber nicht vollständig vernichtet (die Büffel sind ja immer gewandert), und dadurch ist ein Großteil der Indianer im Nomadenstatium hängengeblieben.

Mamonas
26.09.2006 20:01

"dadurch ist ein Großteil der Indianer im Nomadenstatium hängengeblieben"

Wäre nteressant zu erfahren, was zum Kuckuck die Onas im öden, kalten Feuerland gesucht haben anstatt in der Pampa oder Santiagogegend zu bleiben.

xray -
03.10.2006 00:47

:) das kann man sich schon bei den Menschen fragen, die von Zentralasien nach Nordsibirien gewandert sind, dann ostwärts (kalt kalt kalt kalt kalt kalt) um dann draufzukommen dass da wieder was wärmeres kommt. Das waren ja nicht Märsche von einzelnen Personen, sondern ist über Generationen gegangen. Manche müssen also gesagt haben: "Wir sind nach Norden gewandert, hier ist es kälter als vorher, hier in Nordsibirien bleiben wir", und erst die nächste Generation ist wieder ein Stück weitergewandert.

Mamonas
07.10.2006 11:28

"sondern ist über Generationen gegangen"

Jede Generation, die an der vereisten Beringstraße über eine längere Zeit bleiben wollte, wurde sicherlich vom Tode erwischt. Entweder mußte man dort schnell durch oder man ging unter. So wenigstens stelle ich mir das damals vor.

xray -
19.10.2006 11:38

Aber es leben ja immer noch Menschen dort (und ich meine nicht Russen in Wetterstationen).

Jochen Schweizer
28.09.2006 10:13

Naja?

Oft will man einfach nur seine Ruhe haben.

Cogito Ergo Dumm
26.09.2006 11:00
Wäre doch möglich,

wenn diese Verhaltensweisen erst nach dem Austerben (Ausrottung?) der Großtiere entwickelt worden wäre.
Ich weiß zwar nicht genau, wann das Rad erfunden worden ist, aber sicherlich erst lange nach dem Ende der letzten Eiszeit (sprich ein paar 1000 Jahre).

The Alien
 
27.09.2006 07:54

Das Rad wurde bekanntlich schon viel früher von Thag erfunden.

Ich beziehe mich hier auf wissenschaftlich fundierte Quellen und zwar die Cartoons von Gary Larson. ;-)

Joe Bazooka
 
26.09.2006 14:56
Radschlag

Kurz nachdem die Menschen den aufrechten Gang erfunden hatten, machten sie sich Gedanken über das elegante Hinfallen. Dabei wurde auch das Rad vorgeschlagen, hat sich aber bei den Ältesten nicht durchgesetzt.

Mynnia
 
26.09.2006 06:54
In diesem Fall eher nein?

Die gerade angekommenen menschlichen Einwanderer waren vermutlich auch nicht Zehntausende und so oft werden sie auch nicht Riesenwild gejagt haben - das ist nicht ganz ungefährlich, wenn man das zweimal in der Woche macht, dezimiert man eher sich als die Arten, es ist vor allem auch Verschwendung.
Naaa, an der Theorie passt mir was mit den Quantitäten nicht so recht. Wir reden ja auch von Löwen etc., die durchaus als Nahrungskonkurrenten zu Menschen leben könnten und auch von Kleinvieh und Kleinbisons.

(Und jetzt kommen sicher die Leute, die mir unterschieben, der Menschheit einen kollektiven Heiligenschein aufsetzen zu wollen, weil ich hier eine 'Schuld' dementiere. Da es aber *nicht* so gemeint ist, kann man sich das auch sparen.)

17+4
26.09.2006 20:37
warum von Schuld reden,

ist nicht eher anzunehmen, dass man damals die Zusammenhänge noch nicht verstand.
Nach dem letzten Buch, das ich darüber gelesen habe, ist allerdings schon 5 Jahre her, ist es umstritten, ob der Mensch die Großtiere ausgerottet hat oder nicht.
Analog dazu: man weiss ja nicht einmal in Europa, warum der Neanderthaler ausgestorben ist, war das Verdrängung, Ausrottung, Erlöschen von Lebenskraft (was man einem kinderlosen Europa nachsagt) oder so?

honkytonk17
26.09.2006 12:21

naja die "Overkill-Hypothese" ist sicher schon ganz richtig, die nimmt man auch nicht nur in Nordamerika an, sondern auch auf den polynesischen Inseln, die durch eine rasante Besiedelung der Menschen zum Aussterben mehrer Raubtierarten führte. Der Mensch war schon, als Jäger und Sammler, längst vorbereitet auf die Megafauna, die sie betraten, nur sie nicht für ihn. Es müsste sicher ein Schock gewesen sein, einen solchen Gegner "Mensch" entgegentreten zu müssen.

A Voice
26.09.2006 11:46
Schaun Sie sich das an

der la brea Faun&Flora link geht auch darauf ein - klingt nicht unplausibel.

Mamonas
26.09.2006 05:43

"sehr kurzen Zeitraum vor etwa 13.000 bis 10.000 Jahren"

Bücher wie "Erde im Aufruhr" von Velikovsky und "When the Eart nearly died" von Allan & Delair befassen sich mit diesem Zeitraum und geben detaillierte Beschreibungen vieler (durch Fluten?) zerstörter Knochenreste.

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