Seibersdorf-Aufsichtsrat verordnet Beruhigungspillen

5. Oktober 2006, 14:01
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Hubert Gorbach forderte erneut Aufklärung über die "Misswirtschaft durch die Finanzverant­wortlichen", der AR des Forschungszentrums übte sich in Harmonielehre

Wien - In der Früh herrschte am Tech-Gate auf der Wiener Donauplatte noch Nervosität. Ab neun Uhr berieten Kapital- und Arbeitnehmervertreter des Aufsichtsrats des Forschungszentrums Seibersdorf - zunächst streng getrennt - ihre Schlachtpläne. Ab zehn Uhr tagte dann offiziell der gesamte Aufsichtsratssitzung der Austrian Research Centers (ARC) Seibersdorf. Plötzlich seien alle Zeichen auf Beschwichtigung gestanden, berichtete ein Aufsichtsratsmitglied die wundersame Beruhigung der in den vergangenen Tagen und Wochen durchaus aufgeheizten Stimmung über die aktuelle Finanzlage der erneut in Umstrukturierung befindlichen ARC-Gruppe.

Während Infrastrukturminister Hubert Gorbach die Situation in Seibersdorf bei der Präsentation des jüngsten Infrastrukturreports als "sehr ungut und prekär" bezeichnete und dringend "Aufklärung der Misswirtschaft durch die Finanzverantwortlichen" forderte, war die von Gorbachs Ministerium angekündigte Sonderprüfung in der Aufsichtsratssitzung überhaupt kein Thema; schon gar nicht die Gesellschafterversammlung, ohne die eine ministerielle Sonderprüfung überhaupt nicht durchgeführt werden kann. Auch ein Antrag des Ressorts im Aufsichtsrat auf Durchführung einer Prüfung blieb aus.

Ehe die Kanzlei Hübner & Hübner den - auf Basis der von der ARC-Tochter Business Services (und deren Geschäftsführer Martin Graf) vorgelegten Zahlen und diverser Aufsichtsrats- und Unternehmensunterlagen errechneten - Liquiditätsengpass im Volumen von zwei Millionen Euro bestätigte, überreichten die Betriebsräte Aufsichtsratspräsident Rainer Wieltsch die von der Initiative Pro-Forschung gesammelten mehr als 750 Unterschriften. Außer Unmut über so viel Öffentlichkeit, die laut Aktionären der Industriegruppe "zur Unzeit" kam, blieben auch die Unterschriften ohne Folge.

Nicht so die Finanzkrise: Sie soll nur mehr mit Einsparungen bei Sachkosten und Investitionen beseitigt werden, nicht aber auf dem Rücken von Diplomanden, Dissertanten oder anderen Forschern. Bis Oktober muss erarbeitet werden, wo und wie viel 2007 gespart werden muss. Fix ist nicht einmal mehr, ob es noch immer "acht bis zehn Millionen" sein müssen, wie im August im Exekutivausschuss berechnet. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.9.2006)

  • Im Forschungszentrum Seibersdorf muss jeder Winkel nach
Sparpotenzial ausgeleuchtet werden.
    foto: standard/christian fischer

    Im Forschungszentrum Seibersdorf muss jeder Winkel nach Sparpotenzial ausgeleuchtet werden.

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