Mobilfunkstrahlung: "Kinder nicht als Versuchskaninchen missbrauchen"

von Redaktion  |  20. September 2006, 11:45
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Ärztekammer fordert Kennzeichnung von Handys mit SAR-Werten - Eindringlicher Appell an Politik und Industrie

Die Diskussion rund um die Gefahr von Mobiltelefonen beziehungsweise deren Strahlung geht in die nächste Runde. Die Wiener Ärztekammer strich in einer Podiumsdiskussion erneut die Notwendigkeit entsprechender Warnungen, vor allem bei Kinder, heraus und richtete einen eindringlichen Appell an Politik und Industrie.

Medikamente und Handy

"Wenn wir Medikamente auf den Markt bringen, untersuchen wir auch vorher ihre Evidenz. Mit dem Mobilfunk hingegen verbreiten wir eine Technologie, deren Auswirkungen wir noch nicht wirklich kennen und die wir erst genauer untersuchen müssen", warnte am Dienstag Abend der Referent für Umweltmedizin der Ärztekammer für Wien, Erik Huber, vor noch unbekannten möglichen Auswirkungen von Handystrahlung auf den Menschen. Anlass war eine Podiumsdiskussion im RadioKulturhaus, zu der die Wiener Ärztekammer geladen hatte. Thema: "Telefonieren mit dem Handy: Wie gefährlich sind Mobilfunkstrahlen?" Hubers Appell an die Verantwortlichen in Politik und Industrie: "Unsere Kinder dürfen keine Versuchskaninchen sein!"

Telefonieren wie Sonnenbad

Der Schutz von Kindern und Jugendlichen müsse absolute Priorität haben, "denn Mobiltelefone sind in etwa so gefährlich wie ein Sonnenbad", so die Ärztekammer in einer Aussendung. Kein Mensch würde heutzutage Kinder in die pralle Sonne ohne Schutzmaßnahmen lassen. Dabei räumt Huber ein, dass Mobiltelefone durchaus Sinn machten, sofern sie richtig eingesetzt würden. "Ich will kein Handyverbot für Kinder", so Huber. Im Notfall würden Mobiltelefone ihren Zweck erfüllen. Ihm gehe es vielmehr darum, Bewusstsein hinsichtlich des möglichen Risikos zu schaffen: "Wenn Sie zur Zigarette greifen oder Alkohol trinken, dann gehen Sie bewusst ein Risiko ein. Wenn Sie das bei Ihren Kindern zulassen, verletzen Sie Ihre Vorsorgepflicht." Ähnlich verhalte es sich, wenn man Kindern uneingeschränkten Zugang zur Mobiltelefonie einräume, so Huber.

Hauptzielgruppe

Der Umweltmediziner kritisierte, dass Kinder mittlerweile die Hauptzielgruppe der Telekomindustrie seien. Laut Huber sollte die Industrie jedoch ihr Geld lieber mit dem Festnetz verdienen, "denn dort ist das Risiko einer Gesundheitsgefährdung praktisch null". In diesem Sinne fordert Huber auch die Kennzeichnung von Handys mit SAR-Werten sowie die Beilage der von der Ärztekammer herausgegebenen Leitlinien ("10 medizinische Handyregeln") beim Verkauf eines Handys. Außerdem sollte die Industrie vermehrt Forschungsmittel bereitstellen, um die Auswirkungen von Handystrahlen auf den Menschen zu erforschen. Damit die Unabhängigkeit der Forschung gewährleistet bleibe, könnte man beispielsweise die Akademie der Wissenschaften oder ähnliche Institute mit der Durchführung von Studien beauftragen, so Huber.

Handys nicht als Spielzeug verwenden

"Das Gesundheitsministerium hat im Dezember vorigen Jahres klare Empfehlungen zum vernünftigen Umgang mit Mobiltelefonen ausgesprochen. Weiters liegen Empfehlungen des Obersten Sanitätsrates vor, die eine Minimierung der Exposition bei der Standortwahl von Mobilfunksendeanlagen vorsehen", bestätigt auch Wolfgang Ecker vom Gesundheitsministerium. Sein Ratschlag lautet daher: "Handys sollten speziell von Kindern nicht als Spielzeug, sondern als modernes Kommunikationsmittel gesehen werden, das vernünftig und unter Vermeidung unnötiger Exposition verwendet werden sollte."

Tumorrisiko gegeben

Auch Gerd Oberfeld, Umweltmedizin-Referent der Österreichischen Ärztekammer, gibt zu bedenken: "Die Schädigung der DNA mit der Folge eines erhöhtes Tumorrisikos durch Mobiltelefone ist auf allen wissenschaftlichen Nachweisebenen, von der Zelle über den Tierversuch und nun auch durch Beobachtungsstudien am Menschen, gegeben." "Aktuelle Daten aus Schweden zeigten ein dreifach erhöhtes Hirntumorrisiko nach einer Handynutzungszeit von zehn Jahren".

Aufklärung der Bevölkerung

Oberfeld: "Wir benötigen dringend eine entsprechende Aufklärung der Bevölkerung, Mobiltelefone nur für wichtige und dringende Gespräche zu verwenden." Zur Frage der gesundheitlichen Auswirkungen von Mobilfunksendeanlagen (Handymasten) würden nunmehr umweltepidemiologische Daten vorliegen, die einen klaren Zusammenhang zwischen der hochfrequenten Strahlung und verschiedenen Symptomen, wie etwa Kopfschmerzen oder Konzentrationsprobleme, unabhängig von möglichen Befürchtungen zeigen, so Oberfeld. Der Umweltmediziner: "Ich empfehle den Umbau der Mobilfunknetze auf technisch geringst mögliche Belastungen sowie die Durchführung epidemiologischer Untersuchungen für Symptome, Krebs und andere Erkrankungen."

Auf die Betroffenheit in der Bevölkerung und den Aufklärungsbedarf vonseiten der Politik wies auch die Grüne Abgeordnete Gabriela Moser hin: "Die Menschen haben ein Recht darauf, darüber aufgeklärt zu werden, wenn beispielsweise ein Sendemast in ihrer Wohnumgebung errichtet wird." Moser mangelt es hier "am entsprechenden Willen einer politischen Mehrheit".

Voreilige Warnungen seitens der Ärztekammer?

Aber auch kritische Stimmen gegenüber der von der Wiener Ärztekammer ausgesprochenen Warnung vor einem unkontrollierten und übermäßigem Gebrauch von Mobiltelefonen gab es an diesem Abend. So zitierte etwa Uwe Möbius, Vertreter der deutschen Forschungsgemeinschaft Funk, Studien wie beispielsweise jene von der WHO, wonach bislang keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit nachgewiesen werden konnten. Möbius warnte zudem davor, Tierexperimente gedankenlos auf den Menschen zu übertragen. Erst wenn ein Versuch mehrfach wiederholt werde, könne tatsächlich ein wissenschaftlicher Beweis angenommen werden. "Sollte es hier wirklich Effekte geben, dann müssen sie sehr gering sein", so Möbius. Andernfalls hätte man sie "aufgrund des bisherigen Forschungsaufwands bereits längst finden müssen".

"Technischer Unsinn"

Noch schärfere Kritik an die Ärztekammer richtete Ernst Bonek von der TU Wien: "Das Plakat ("10 medizinische Handy-Regeln") strotzt nur so vor technischem Unsinn." Hier habe die Qualitätssicherung der ärztlichen Standesvertretung vollkommen versagt. Es würden Dinge in die Welt gesetzt, die so einfach nicht stimmten.

Hubers Replik auf Bonek: "Auch der Oberste Sanitätsrat hat sich bereits in vielen Punkten den Warnungen der Ärztekammer angeschlossen." So schlecht könne also die Linie der Ärztekammer nicht sein.(red)

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10 Postings
Werner Auer 
15.09.2006 23:01
Ärztekammer mit der Warnung sollte ernst genommen werden

Die gesundheitlichen Folgeschäden sind bereits in "wissenschaftlichten" Studien und in vielen Fallbeispielen eindeutig belegt. Bestimmte Stoffwechselerkrankungen haben jährliche Zuwachsraten bis zu 20% (ADHS, Alzheimer, Tinnitus, Allergien etc.). Bereits auch Prof. Leitgeb hat in einer Schlafstudie feststellen können, dass das nächtliche EEG dramatische Irritationen aufwies, sobald ein Handytelefonierer im Abstand vorbeiging. So streitet natürlich H. Möbius Uwe jeden Zusammenhang schlichtweg ab, obwohl eindeutige Forschungsberichte vorliegen. Wer ist Ernst Bonek von der TU-Wien? Autorisierter Sprecher der TU? Also eine unwissenschaftliche Lobbyarbeit? Das Merkblatt der Ärztekammer war dringend geboten, denn Wirkungen bereits akut erkennbar.

Jan Sommer
15.09.2006 20:33
So lange keine Versicherungsgesellschaft auf der Welt


bereit ist Handybenutzer gegen etwaige Langzeitfolgeschäden zu versichern,
kann man sich ausrechenen,
welche Risiken ganz offensichtlich bestehen.

Die wissen schon, warum sie sich das mögliche Milliardengeschäft entgehen lassen.
js

el diletanto
15.09.2006 01:04

ein volk kann man leichter regieren, wenn es angst hat... somit ist es (um ja keine kritik an der politischen führung aufkommen zu lassen und die eigentlichen probleme aus der medienlandschaft zu verdrängen) wichtig, dass das volk in einem permanenten angst-zustand gehalten wird und ja nicht aus dem albtraum aufwachen kann.

walter walt
15.09.2006 09:24

no die regierungen sind es aber nicht gerade, die die angst vor mobilfunk schüren und auch die angst vor BSE wurde jahrzehntelang von allen regierungen als völlig unbegründet bezeichnet.
den regierungen geht es vielleicht weniger ums volk als um die konzerne und deren gewinne. und das volk will auch lieber beruhigt telefonieren, billiges rindfleisch essen, rauchen, trinken usw.

Erich Hofbauer
14.09.2006 14:55
aber geh

die paar Watt Mikrowellen können doch nicht schaden...
komischerweise weichen die Bäume in der Nähe von Handymasten diesen aus (sie biegen sich von den Antennen weg), gesehen am Parkplatz P52 an der A1 Richtung St. Pölten

walter walt
13.09.2006 18:14
Die BSE Diskussion

ist über viele Jahre ähnlich gelaufen, Ergebnisse die eine Gesundheitsgefährdung durch die Praxis der Tiermehlfütterung für den Menschen ergaben wurden negiert, Warnende diskreditiert usw.. Irgendwann gabs dann das große Wehgeschrei. Läuft immer so wenn massive wirtschaftliche Interessen einerseits, konsumverhalten der Bevölkerung andererseits in Frage gestellt wird.

abischle
13.09.2006 22:26
Ein Beispiel sagt gar nichts aus

Auf der anderen Seite gibts viele Gegenbeispiele: Lesen Sie mal die "medizinischen" und anderen Artikel rund um die Erfindung der Eisenbahn. Wie wurde da diese unnatürliche Geschwindigkeit verteufelt und die schädlichen Folgen für die Gesundheit an die Wand gemalt.

Man muss immer auch berücksichtigen, dass neue Technologien anscheinend wie ein Pawlowscher Reflex irrationale Ängste auslösen.

walter walt
13.09.2006 23:29
irrationale Ängste?

was ist eine rationale Angst?

bernhard p
14.09.2006 16:48
vielleicht

im pazifik von einem Hai aufgefressen zu werden?

walter walt
14.09.2006 20:11
vielleicht auch nicht?

irrationale Ängste sind die der anderen, entsprechend umgekehrt verhält sichs mit den eigenen

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