Ohne EU-Erweiterung keine Zentralen in Wien

16. Oktober 2006, 13:39
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Der Chef des Kreditversicherers Coface, Jerome Cazes, versteht die negative Einstellung der Österreicher gegenüber der EU-Erweiterung nicht

Bukarest - Jerome Cazes ist der CEO von Coface, einem der weltweit führenden Kreditversicherer. Der Franzose kann die negative Einstellung der Österreicher zur EU-Erweiterung, die bei jedem Eurobarometer deutlich wird, nicht verstehen: "Ich bin mir nicht sicher, ob die Österreicher die richtige Perspektive haben. Wenn es nicht die Öffnung Richtung Osteuropa gegeben hätte, dann weiß ich nicht, ob es die gleiche Anzahl von Hauptquartieren in Wien gäbe. Die Zentralen wären dann alle in Deutschland", sagte Cazes im Standard -Interview.

Wegen der Expertise über Osteuropa hätten Coface, aber auch andere internationale Konzerne entschieden, Wien zum Zentrum ihrer strategischen Interessen zu machen. Coface ist weltweit in 59 Ländern präsent, davon in elf osteuropäischen, die von Wien aus gesteuert werden.

Der Franzose zeigt wenig Verständnis für die Befürchtungen hierzulande: "Man kann fürchte, dass es stärkeren Wettbewerb gibt. Zumindest in Deutschland und Frankreich. In Wien würde ich sagen, hat man gute Aussichten. Ich hoffe, dass jeder versteht, dass ein boomendes Osteuropa extrem positiv ist für Europa als Ganzes, aber vor allem für jene Länder, die in starken Wirtschaftsbeziehungen mit dieser Region stehen. Der Erfolg von Zentraleuropa ist direkt verknüpft damit, wie verbunden man mit dieser Region ist. Und Österreich profitiert am meisten davon."

Denn ein entscheidender Anteil des Wachstums - auch von Coface, das als weltweit einziger Anbieter die vier zentralen Bereiche im Risikomanagement Information, Inkasso, Kreditversicherung und Factoring abdeckt - hänge von den neuen EU-Ländern ab. "Das sind die treibenden Kräfte. Deshalb ist es sehr wichtig, dass über Österreich unsere Ambitionen in die Region gebracht werden", meint Cazes.

Martina Dobringer, die Coface Austria leitet, sieht die Einschätzungen in Österreich differenzierter: "Wenn man mit Topmanagern in Österreich spricht, dann hört man nichts Negatives. Es ist evident, dass mehr als 60.000 Arbeitsplätze in Österreich geschaffen wurden wegen der Entwicklung in Osteuropa, auch von multinationalen Konzernen. Das ist ganz schön viel. Das ist ein sehr, sehr großer Vorteil, den man sehr oft nicht sehen will."

Nur ein Scherz

Cristian Ionescu, der erst 32-Jährige Chef von Coface Rumänien, weiß um die oft negative Einstellung der Österreicher, aber umgekehrt auch der Rumänen, wenn sie über das starke Engagement österreichischer Firmen sprechen: "Wir haben einen Scherz in Rumänien: Die Österreicher bauen ihr Empire wieder auf. Zumindest erobern sie uns nicht mehr. Jetzt kommen sie mit Investitionen." Das sei zwar ein Scherz, aber auch "die negative Einschätzung zeigt sich darin", meint Ionescu. "Aber die Österreicher profitieren doch ganz klar davon." (Alexandra Föderl-Schmid, Bukarest, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.9.2006)

  • Martina Dobringer und...
    foto: standard/christian fischer

    Martina Dobringer und...

  • ...Jerome Cazes sehen für den Kreditversicherer
Coface gute Chancen in Osteuropa.
    foto: standard

    ...Jerome Cazes sehen für den Kreditversicherer Coface gute Chancen in Osteuropa.

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