Hinter Österreich liegt nur die Türkei

18. September 2007, 10:57
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Österreich ist bei der Hochschulausbildung beinahe Schlusslicht in der OECD - mit Infografik

Gleich ums Bildungseck liegt nur noch die Türkei. Dahinter kommt nichts mehr. Die neueste OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" wirft Österreich vor, immer weniger Geld für Bildung auszugeben.

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Wien - Österreich liegt neben der Türkei. In Bildungsfragen. Gerade knapp davor. Und vor Österreich liegen noch 23 andere OECD-Länder. Das ist der Befund, zu dem die neueste OECD-Studie "Education at a Glance 2006" (Bildung auf einen Blick) kommt, die am Dienstag zeitgleich in Paris und Berlin (nach Tokio am Vorabend) präsentiert wurde.

Österreich bekommt von den OECD-Analysten für den Unibereich noch schlechtere Noten als im Vorjahr. Der erste Satz des Österreich-Befunds ist alarmierend: "Österreich ist trotz gewisser Anstrengungen bei der Ausbildung von Hochqualifizierten im Vergleich zu anderen OECD-Ländern weiter zurückgefallen."

Nur ein einziges Land, die Türkei, liegt also bei der Akademikerquote diesmal hinter Österreich, wo im Jahr 2004 nur 19,6 Prozent eines Jahrganges eine Hoch- oder Fachhoch-Schule absolviert haben. Das ist zwar eine Steigerung gegenüber 2000 (16 Prozent), aber gegenüber dem OECD-Schnitt ist Österreich weit abgeschlagen: Im OECD-Schnitt schließen 34,8 Prozent eines Schülerjahrganges ein Studium ab (2000: 27,5 Prozent).

Dass international andere akademische Steigerungsraten möglich sind, zeigen die Schweiz, die binnen vier Jahren die Akademikerquote von 10,4 auf 25,9 Prozent hochschrauben konnte, und Italien, das sich von 18,1 Prozent auf eine mehr als doppelt so hohe Akademikerquote von 36,8 Prozent katapultierte.

Ein kleines Trostpflaster haben die OECD-Analysten für Österreich parat: "Bei der Ausbildung der Postgraduierten und Doktoranden gehört Österreich mit einer Abschlussquote von 2,1 Prozent nach der Schweiz und Schweden zur Spitzengruppe innerhalb der OECD." Passable Werte gibt es wie 2005 für den Schulbereich. Bei den durchschnittlichen Klassengrößen liegt Österreich über dem OECD-Schnitt.

Gefährliches Sparen

In Summe beurteilen die OECD-Experten Österreichs Status so: "Nimmt man die Zahl der Studienanfänger und die finanzielle Ausstattung für höhere Bildung, dann scheint es fraglich, dass Österreich diesen Rückstand schnell ausgleichen kann." Die Studienanfängerquote ist "nur marginal auf jetzt 37 Prozent je Jahrgang gestiegen" (OECD: 53 %), das "Potenzial an Studenten weit gehend ausgeschöpft", da nur vergleichsweise wenige Schüler in Österreich die Uni-Zulassung erwerben.

Die schlechten Noten für Österreich erklärt die OECD auch mit den geringen Ausgaben für tertiäre Bildung, die bei 1,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukt (BIP) "verharren". Während die meisten OECD-Länder ihre Bildungsausgaben erhöhten, "ging in Österreich ihr Anteil in den vergangenen Jahren stark zurück", kritisiert die OECD. Mit 5,5 Prozent (öffentliche und private) Bildungsausgaben am BIP lag Österreich 2003 "deutlich unter dem OECD-Schnitt von 5,9 Prozent".

OECD-Chefanalyst Andreas Schleicher warnt vor den Folgen der Unterdotierung des Bildungssystems: "Österreich wird den steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften so nicht befriedigen können." Es habe "bisher nicht ausreichend auf die Herausforderungen der Wissensgesellschaft reagiert, das zeigt auch die gesamte Finanzausstattung für das Bildungssystem".

Die traditionell guten Werte Österreichs (Platz 6, 87 %) bei Abschlüssen im Sekundarbereich II (Matura, Lehre) relativiert die OECD: Diese Qualifikationen sind "mittlerweile auch international weit gehend zur Norm geworden".

Die Hauptadressatin der Studie, Ministerin Elisabeth Gehrer, sprach von einer "guten Rückmeldung", die Datenerhebung sei aber zu hinterfragen. Die SPÖ sah Gehrers "Lobhudelei" durch die OECD widerlegt, die Grünen warfen ihr "Beschönigungsversuche" vor. Die ÖH sprach von einem "miserablen Zeugnis". Die Rektoren wollen bei der Drop-Out-Rate ansetzen. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe, 13.9.2006)

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    foto: standard/newald
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