Journalisten in der Politik

9. Oktober 2006, 15:36
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Vor allem Quereinsteiger vom Bildschirm stehen hoch im Kurs

Die ÖVP holt sich mit der ORF-Journalistin Gertrude Aubauer, die auf einem Spitzenplatz auf der Bundesliste antritt, eine bekannte Quereinsteigerin an Bord. Die Idee, Persönlichkeiten aus Presse und Fernsehen in den Wahlkampf einzubinden, ist nicht neu. Auch andere Parteien wollten und wollen mit Journalisten auf den Listenplätzen punkten - einmal erfolgreicher, einmal weniger erfolgreich.

Den Anfang machte 1979 Fernsehdirektor Helmut Zilk, der seine Sendung "Stadtgespräche" gegen die Stadtpolitik eintauschte und für die SPÖ Wiener Kulturstadtrat wurde. Nach dem Posten des Unterrichtsministers fand Zilk seinen politischen Traumjob und war bis 1994 zehn Jahre lang Wiener Bürgermeister.

Während Zilks Wechsel vom Journalismus in die Politik langfristig und erfolgreich war, hatte ein anderer ORF- Journalist in der SPÖ weniger Glück: Der Fernsehmann Franz Kreuzer wurde 1985 von Fred Sinowatz als Umweltminister berufen. Er scheiterte am Management der Tschernobyl-Krise - und wechselte 1986 wieder in den Journalismus zurück.

Wenig Glück hatte die SPÖ auch mit Hans Peter Martin<, der="" 1999="" vom="" damaligen="" spö-chef="" viktor="" klima="" zum="" spitzenkandidaten="" für="" die="" eu-wahl="" gemacht="" wurde.="" der="" frühere="" "spiegel"-journalist="" überwarf="" sich="" bald="" mit="" seiner="" fraktion="" und="" zog="" 2004="" mit="" seiner="" eigenen="" liste="" ins="" eu-parlament="" ein.="" der="" ex-journalist="" martin="" blieb="" der="" politik="" treu:="" er="" tritt="" heuer="" mit="" einer="" "bürgerliste"="" bei="" der="" nationalratswahl="">

Mit jener Quereinsteigerin, die Martin 2004 im EU-Wahlkampf an seiner Seite präsentierte, hat er sich jedoch bald überworfen. Die ehemalige ORF-Journalistin Karin Resetarits wechselte zur Liberalen Fraktion im EU-Parlament und überlegte kurzzeitig eine Kandidatur für das LIF bei den Nationalratswahlen. Nach wie vor ist sie aber liberale Abgeordnete im Europäischen Parlament.

Bei der letzten Nationalratswahl 2002 kandidierte schließlich der "Zeit im Bild"-Präsentator Josef Broukal für die SPÖ. Aus dem Traum, Wissenschaftsminister zu werden, wurde nichts. Stattdessen ist Broukal stellvertretender Klubobmann sowie Wissenschaftssprecher der SPÖ - und blieb der Politik treu: Auch heuer kandidiert er wieder für die SPÖ.

Auch in der FPÖ waren Quereinsteiger aus dem Medienbereich immer willkommen: Der "parteifreie" Journalist und "Lucona"-Aufdecker Hans Pretterebner hatte nach einem Jahr Parlament genug und schied 1995 aus der Politik. Bei der EU-Wahl 1996 kandidierte der ORF-Journalist Hans Kronberger erstmals für die FPÖ. 2004 klappte seine Wiederwahl jedoch nicht. Kronberger war zwar Spitzenkandidat, doch der Listendritte Andreas Mölzer - der ebenfalls als Journalist tätig ist - führte erfolgreich einen Vorzugsstimmenwahlkampf gegen Kronberger.

Ebenso wie Kronberger aus der "Argumente"-Redaktion des ORF kam auch Hans-Jörg Schimanek. 1993 wechselte er für die FPÖ vom ORF auf einen Landesrats-Sitz in Niederösterreich, 2005 trat er erfolglos als BZÖ-Spitzenkandidat bei den Wiener Landtagswahlen an, derzeit ist er Bezirksrat in Wien-Floridsdorf. Bei den Nationalratswahlen 1999 kandidierten schließlich zwei ORF-Frauen für die Freiheitlichen: Die "Radio-Stimme" Jutta Wochesländer schaffte es ins Parlament, erhob ihre Stimme dort aber nur selten. "Willkommen-Österreich"-Moderatorin Theresia Zierler hingegen stieg bis zur steirischen Spitzenkandidatin und zur Generalsekretärin auf - und dann wieder zur einfachen Abgeordneten ab. Sie kehrte der Politik den Rücken und arbeitet heute als Medienberaterin.

Auf eine bisher stabil verlaufende politische Karriere kann die frühere "Zeit im Bild"-Moderatorin Ursula Stenzel verweisen. Sie zog 1996 für die ÖVP als Spitzenkandidatin in die Europa-Wahl - und war bis 2005 ÖVP-Delegationsleiterin im Europäischen Parlament. Bei der Wiener Gemeinderatswahl 2005 wurde sie zur Bezirksvorsteherin des Ersten Bezirks gewählt. 2005 holte sich die ÖVP für die Wien-Wahl einen weiteren prominenten Journalisten an Bord. Franz-Ferdinand Wolf, ehemaliger Chefredakteur des "Kurier" und bis 2005 Moderator der ORF-Diskussionssendung "offen gesagt", zog für die ÖVP in den Gemeinderat ein. Einen kurzen Ausflug in die Politik machte in den 80er-Jahren für die ÖVP auch der damalige "profil"-Journalist und heutige "News"-Herausgeber Alfred Worm. Er war einer der "bunten Vögel" von Erhard Busek im Wiener Gemeinderat.

Die Grünen haben bisher auf Quereinsteiger aus dem Medienbereich verzichtet. (APA)

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