Simple Erklärung für manches Geheimnis

5. Oktober 2006, 12:26
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Die Erstellung eines Täterprofils im Fall Kampusch wäre schwierig gewesen, da es keinen klassischen Tatort gab, meint Kriminalpsychologe Herbert Poltnig

Im Garten von Wolfgang Priklopil wurde ein aus Sparsamkeit vergrabener Kühlschrank geborgen


Ein Wochenende lang haben die Experten über den Bildern des Bodenradars gebrütet – am Montag begannen in Strasshof die gezielten Grabungen an verdächtigen Stellen. Das Ergebnis ist vorerst dürftig: Den alten Kühlschrank, den der mutmaßliche Entführer Wolfgang Priklopil verbuddelt hat, hat man geborgen, etwaige Hohlräume oder Gräber dagegen nicht.

"Dieser Kühlschrank hat uns natürlich interessiert, denn Zeugen haben ja gesehen, wie er vergraben wurde. Die Geschichte ist aber weniger geheimnisvoll als sie sich anhört: Er war so sparsam, dass er sich einerseits die Entsorgungskosten gespart hat und andererseits durch den Aushub frische Erde für den Garten bekommen hat", erklärt Helmut Greiner vom Bundeskriminalamt (BK). Ein Minibagger des Entminungs- und Entschärfungsdienstes bleibt aber weiter im Einsatz, um die von einem Archäologen markierten Stellen umzugraben. Sprengfallen befürchte man übrigens keine, der Entminungsdienstbagger sei einfach verfügbar gewesen und eine Anmietung bedeutend teurer.

Renovierungen

Aufräumen möchte Greiner auch mit der Vorstellung, Priklopil, dem neben dem Haus in Strasshof eine Wohnung im Wiener Gemeindebezirk Rudolfsheim-Fünfhaus gehörte, sei ein reicher Immobilienbesitzer gewesen: "Die fragliche Wohnung hat eine Fläche von elf Quadratmetern", stellt der BK-Sprecher klar. Das Renovieren desolater Wohnungen und deren Wiederverkauf oder -vermietung sei auch die einzige Einkommensquelle des 44-Jährigen gewesen. Er war handwerklich sehr geschickt, Kampusch half ihm bei Reinigungsarbeiten.

Wenn Priklopil der sparsame, unauffällige Single war, als den ihn seine Umgebung wahrgenommen hat – hätte er dann nicht in irgendein Täterprofil eines Kriminalpsychologen passen müssen?Ein Täterprofil, das die Polizei bei der Überprüfung der 700 Kastenwagen kurz nach der Entführung der Zehnjährigen einsetzen hätte können? Nein, sagt Herbert Poltnig, Leiter des Kriminalpsychologischen Dienstes im BK. "Es hat ja in dem Sinn keinen Tatort gegeben. Wir brauchen aber Verhaltensspuren, um Rückschlüsse auf den Täter ziehen zu können. Also beispielsweise hat er bei der Tat etwas gemacht, was nicht nötig gewesen wäre oder umgekehrt", erläutert der Nachfolger von Thomas Müller. Der Schluss, ein Kidnapper müsse ein Single-Mann zwischen 30 und 40 sein, stimme daher nicht automatisch. Nach der auf Müllers Ausscheiden folgenden Umstrukturierung der Abteilung habe man sich seit dem Frühjahr nicht mehr mit dem Fall Kampusch befasst. (Michael Möseneder/DER STANDARD-Printausgabe, 12.09.2006)

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