"Werden Gutachten neu aufrollen"

6. Oktober 2006, 11:11
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Unter dem Druck einer kritischen europäischen Öffentlichkeit muss sich die EU-Lebensmittelbehörde Efsa unter ihrer neuen Chefin Geslain-Lanéelle reorganisieren

Wien/Parma - "Wir müssen uns mehr öffnen", subsummiert die seit Juli bestellte neue Chefin der europäischen Lebensmittelbehörde Efsa, die Französin Catherine Geslain-Lanéelle im Gespräch mit dem STANDARD. In den letzten Monaten war immer wieder Kritik an den Entscheidungen der Behörde mit Sitz in Parma laut geworden, insbesondere was ihre Gutachten betrifft, die der Kommission als Grundlage zu Entscheidungen für die Zulassung von gentechnisch veränderten Produkten (GVO, gentechnisch veränderte Organismen) dienen. Die Behörde agiere zu industriefreundlich, lautet die Hauptkritik, die etwa auch von EU-Umweltkommissar Stavros Dimas in einem Interview mit dem Standard im Frühjahr formuliert worden war. Die Ergebnisse der Efsa-Risikobewertungen seien nicht nachvollziehbar, und die Behörde agiere ausschließlich auf Grundlage von Daten, die die Genfood-Industrie selbst liefert.

Auf diese Kritik werde man reagieren, sagt die Efsa-Chefin, die für fünf Jahre bestellt wurde. Kern der Reorganisation ist, dass die nationalen Lebensmittelbehörden mehr in die Arbeit der Efsa mit einbezogen werden sollen. Es war dies eine oftmalige Forderung von den EU-Mitgliedsstaaten gewesen, die wie Österreich eine ablehnende Haltung gegenüber GVO-Freisetzungen haben. Ein Kooperationsnetzwerk wird derzeit aufgebaut, auch mit dem Ziel, "eine gemeinsame Sicht darüber zu erarbeiten, wie Risikoabschätzung durchgeführt werden soll". Bis Ende des Jahres soll klar sein, wie eine solche stärkere Kooperation aussehen kann. Eines der Ziele dabei ist, die Arbeit der Efsa für interessierte Gruppen besser nachvollziehbar zu machen.

Neubewertung

Auch wird es zu Neubewertungen von GVO-Produkten kommen. Denn alle Marktzulassungen, die älter als zehn Jahre sind, müssen neu evaluiert werden, wenn ein Hersteller weiterhin an der Vermarktung interessiert ist. In die Neubewertungen sollen stärker Langzeitfolgen für Mensch, Tier und Umwelt einfließen. Aus den Erfahrungen mit den neuerlichen Evaluierungen soll ein "neuer Zugang auch für die Bewertungen von neuen GVO-Produkten" entwickelt werden, sagt Geslain-Lanéelle. Derzeit hat die Efsa etwa einen weiteren Gen-Reis des Konzerns Bayer "in Arbeit" - ein anderer als der, der kürzlich in Vermischung mit konventionellem Reis bei Importen auftauchte.

Ob auch eine grundsätzliche Änderung der EU-Gentechnik-Politik zu erwarten ist, wollte der Standard wissen - bzw. ob bereits im Markt erlaubte Produkte wieder zurückgenommen werden könnten. "Das ist natürlich immer möglich", sagt die Expertin. Allerdings: "Wir geben der Kommission keine Empfehlungen zu Zulassungen. Wir erarbeiten eine Risikobewertung, die wir der Kommission als Entscheidungsgrundlage vorlegen."

Außerdem, betont sie, habe die Efsa "immer unabhängig" agiert, es gebe keine anstößige Nähe zur Industrie: "Wir lassen uns von niemandem in unseren wissenschaftlichen Risikoabschätzungen beeinflussen." Allerdings werde man weiterhin keine eigenen Studien durchführen - auch dies war bemängelt worden. "Wir können zusätzliche Studien nur anfordern", sagt Geslain-Lanéelle. Von den Firmen, die um Zulassung für GVO-Produkte ansuchen, wird in solchen Fällen "häufig" weiteres Datenmaterial eingefordert, wenn die vorgelegten Daten für die wissenschaftliche Bewertung nicht ausreichend sind.

Einhergehen soll dies mit mehr Öffentlichkeitsarbeit, die die Arbeit und das Entstehungsmuster von Gutachten der kritischen Öffentlichkeit klarer macht. Ein (kleiner) Teil der personellen Aufstockungen der letzten Monate ging auch in Public-Relations-Experten. Auch die Zusammenarbeit mit "third parties" - etwa den entsprechenden Behörden in den USA - muss noch verbessert werden. Bei anstehenden strittigen Fragen im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO - bekanntlich haben die USA und Brasilien die restriktivere Haltung der EU zu GVO-Zulassungen als Handelshemmnis vor das WTO-Schiedsgericht gebracht - könne man der Kommission nur wissenschaftliche Hilfestellung geben, betont Geslain-Lanéelle.

Grundsätzlich, erklärt sie, ist die Efsa eine sehr junge Behörde, die erst 2003 ihre Arbeit aufgenommen hat und die auf den großen Aufgabenbereich - der ganze Komplex Lebens- und Futtermittelsicherheit sowie Tiergesundheit fällt in die Agenda des Amtes - mit weiterem Ausbau reagieren wird. Derzeit hat die Efsa 240 Mitarbeiter; bis 2007 sollen es 300 Experten sein. Über eine Aufstockung des Budgets von jetzt 46 Mio. Euro auf 57 Mio. wird derzeit mit Brüssel verhandelt. (Johanna Ruzicka , DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.9.2001)

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Efsa
  • Mehr Austausch mit nationalen Behörden kündigt Catherine Geslain-Lanéelle an.
    foto: standard/efsa/edoardo fornaciari

    Mehr Austausch mit nationalen Behörden kündigt Catherine Geslain-Lanéelle an.

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