Kommentar: Microsofts Macht

6. Oktober 2006, 15:38
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Kaum ein Weltkonzern kann es wagen, sich mit der EU anzulegen - Microsoft tut es locker - Von Michael Moravec

Microsoft hat in der rechtlichen Auseinandersetzung mit der EU-Kommission offensichtlich beschlossen, unproduktive Höflichkeit ab sofort bei Seite zu lassen und anstatt dessen die gute alte Keule auszupacken.

Brief von EU-Parlamentariern

Da wird der mit dem Fall betraute Chef der EU-Wettbewerbsbehörde über eine Beratungsfirma abgeworben. Da taucht ein Brief auf, dessen Autoren - vier EU-Parlamentarier - offenbar keinesfalls in den Verdacht kommen wollten, erweiterte Denkprozesse in das Schreiben investiert zu haben. Sie zeigen sich in dem Schreiben besorgt, dass die EU Microsoft verunsichert und sinnlosen Risiken aussetzt. Und dann meldet die Microsoft-Zentrale, dass sich die Auslieferung des Windows-Nachfolgers Vista in der Union beträchtlich verzögern könnte.

Grund Vista

Der Grund, warum sich Microsoft seit vielen Jahren so verbissen im Windows-Verfahren wehrt, heißt Vista. Die EU hatte Microsoft wegen des Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung verurteilt: Die Anbindung des Media-Players an Windows würde andere Hersteller benachteiligen, so wie die Anbindung des Internet-Explorers aus Netscape den Garaus machte. Eine endgültige Niederlage von Microsoft hätte enorme Auswirkungen auf Vista: Denn dort wird die gleiche Strategie noch weiter ausgebaut: Virenschutzprogramme, Suchmaschinen, Buchhaltungssoftware, PDF-Reader und einiges mehr sollen fix eingebaut werden. Die Kommission will verhindern, dass Adobe, Symantec oder Yahoo die nächsten Netscapes sind.

Stabile Grenzen

Kaum ein Weltkonzern kann es wagen, sich mit der EU, dem größten Wirtschaftsraum der Welt, anzulegen. Microsoft tut es locker und sieht sich durch einen weltweiten Marktanteil von mehr als 90 Prozent offenbar zu vielem legitimiert.

Es ist wichtig, dieser Macht stabile Grenzen zu setzen. (DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.9.2006)

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