"Vernachlässigtes Land"

3. Oktober 2006, 15:19
17 Postings

Ohne massiven Druck auf Pakistan können die Aufständischen nicht geschlagen werden, meint die Afghanistan-Expertin Joanna Nathan im STANDARD-Interview

Ohne massiven Druck auf Pakistan, die dortigen Rückzugsgebiete der Taliban zu kappen, können die Aufständischen nicht geschlagen werden, sagte Afghanistan-Expertin Joanna Nathan zu Julia Raabe. Auch die Führung in den Provinzen müsse verbessert werden.

* * *

Standard: Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich dramatisch verschlechtert. Den Taliban ist am Freitag ein schwerer Selbstmordanschlag gelungen. Was läuft falsch?

Nathan: Afghanistan hat man seit fünf Jahren quasi verfaulen lassen. Wir hatten einen billig geführten Krieg hier, von dem dann viel zu schnell durch den Krieg im Irak abgelenkt wurde. Afghanistan ist eines der Länder mit den wenigsten Peacekeepern – ich würde sagen, das Land mit den wenigsten Peacekeepern in einer Nachkriegssituation überhaupt – bis heute.

Standard: Was intendieren die Aufständischen?

Nathan: Das ist schwierig zu sagen. Im Moment versuchen sie, die Staatengemeinschaft durch eigene Überlegenheit aus dem Land zu treiben.

Standard: Die Nato-geführte Isaf hat ihre Präsenz in den Süden ausgeweitet. Der Militärausschuss berät über die Entsendung von weiteren 2500 Soldaten. Ist es überhaupt möglich, die Taliban militärisch zu schlagen?

Nathan: Nicht, wenn man nur militärisch vorgeht. Gleichzeitig sind immense diplomatische Bemühungen auf verschiedenen Ebenen notwendig. Die Taliban werden vor allem dann nicht geschlagen werden, wenn nicht massiver Druck auf Pakistan ausgeübt wird, die Führung der Taliban und die dortigen Rückzugsgebiete zu kappen. Bis das nicht passiert, kann der Aufstand lediglich eingedämmt, aber nicht besiegt werden.

Standard: Was muss noch passieren, um die Situation zu stabilisieren?

Nathan: Man muss sich sehr stark bemühen, die Führung in den Provinzen zu verbessern, um die Institutionen dort zum Funktionieren zu bringen und den Wiederaufbau voranzutreiben. Letzterer wird ohne Institutionen nicht erfolgreich sein. Ich glaube nicht, dass sich die Regierung bewusst ist, dass man diese Aufgabe nicht weiter als "business as usual" abhandeln kann. Dort gute Führer zu ernennen, muss sehr ernst genommen werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.9.2006)

Zur Person
Joanna Nathan ist Expertin der renommierten International Crisis Group in Kabul. Ein Foto darf aufgrund der dortigen Sicherheitslage nicht gezeigt werden.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der afghanische Präsident Hamid Karzai (links) bei einem Treffen mit seinem pakistanischen Amtskollegen Pervez Musharraf in Kabul am Donnerstag. Nach Ansicht Afghanistan-Expertin Joanna Nathan müsse auf Pakistan mehr Druck ausgeübt werden, damit auch Afghanistan zur Ruhe kommt.

Share if you care.