Ruhe für "Wunder" Kampusch

5. Oktober 2006, 16:37
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Die ersten großen Interviews sind geschlagen – jetzt brauche Kampusch Ruhe, sagen ihre Betreuer

Natascha Kampusch brauche nach ihren ersten Interviews jetzt „Ruhe und Schutz“, erläuterte am Donnerstag ihr behandelnder Psychiater, Max Friedrich, im Medienraum des Wiener AKH. Das Kamerateam-, Kabel- und Mikrogewimmel von den Expertenauftritten der ersten Tage nach ihrer Flucht war zu einem kompakten, aber überschaubaren Haufen zusammengeschmolzen. Die junge Frau sei aber auch durchaus gespannt auf Feedback, sagte Friedrich auf Rückfrage hin später: „Sie hat ihr Interview selbst im Fernsehen angeschaut, sie war im Prinzip zufrieden. Jetzt ist sie neugierig, was an Rückmeldungen kommt.“ Weitere mediale Pläne – die 18-Jährige hat unter anderem von einem Buchprojekt gesprochen – unterstütze er, Friedrich, explizit: „Ein Buch über sich selbst zu schreiben hat ein kathartisches Element.“

Mindestens eine Woche Pause

Fürs Erste jedoch habe das hochkarätige Betreuerteam ihrer in Windeseile weltberühmt gewordenen Klientin „mindestens eine Woche bis zehn Tage“ Pause für Kontakte außerhalb ihres persönlichen Umfelds auferlegt. Das sei auch Kampuschs eigenes Bedürfnis, ergänzte der Psychiater – zumal die junge Frau derzeit an einem grippalen Infekt laboriere.

Seit am Mittwoch bekannt wurde, dass Kampusch in Friedrichs Klinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters im AKH untergebracht ist, wurde dort vor dem Eingang ein doppelter Securitycheck installiert. Davor habe es keinerlei Kontrollen gegeben: „Die vereinbarte Geheimhaltung ihres Aufenthaltsorts hat beachtlich lange gehalten“, verkündete stolz Paul Vecsei von der Pressestelle des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV) am Rand der Pressekonferenz.

Verkleidung

Sollte die 18-Jährige in Zukunft das Bedürfnis nach Ausgang haben, stehen ihr Perücken, Brillen und andere Verkleidungsmittel zur Verfügung. An Ausflüge unter dem Schutzmantel der optischen Unbekanntheit, wie sie sie zum Eisessen oder Geschäftebesuchen bereits unternommen hatte, ist in Zukunft nicht mehr zu denken. Obwohl – wie Kampuschs Medienberater Dietmar Ecker betonte – die „Paparazzi-Horden“ Wien schon wieder verlassen hätten. Ihre Jagd nach dem Foto habe sich erübrigt, nachdem die Frau den Medien ihr Gesicht enthüllte.

"Schillernde Person"

Kampuschs Betreuer suchen inzwischen auch nach Erklärungen für den außergewöhnlichen Widerhall der Geschichte von Entführung, Leiden, Selbstbefreiung und Reden darüber. „Sie ist eine schillernde Person, und ihr Schicksal spricht eine Reihe von Urängsten an“, meint die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits: etwa die „Angst, ein Kind zu verlieren“ (siehe Geschichten unten). Auch der Mythos des verlorenen Sohnes – hier der Tochter –, „die Rückkehr von den Toten“, werde angesprochen.

„Es grenzt an ein Wunder, dass jemand mit solchen Erfahrungen sich im Interview als derart charmante, liebenswerte junge Frau herausstellt“, ergänzte Friedrich. Die Entscheidung, sich in der gewählten Art an die Öffentlichkeit zu wenden, kam bekanntlich vom Kampusch selbst.

Ermittlungen laufen weiter

Am Ort ihrer jahrelangen Gefangenschaft, im Haus Wolfgang Priklopils, laufen die Ermittlungen der Polizei weiter. Mithilfe eines sachverständigen Archäologen suche man das Gelände nach wie vor nach Hohlräumen und möglichen, bisher unerkannten Verstecken ab, schilderte Gerhard Lang vom Bundeskriminalamt. Mit einer Art Radargerät verfolge man die elektrischen Leitungen im Boden. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 08.09.2006)

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