"Alarmstufe Rot" für Weltmeister

5. Oktober 2006, 13:43
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Italien nach 1:3 gegen Frankreich endgültig in der Krise - Teamchef Donadoni wankt - Domenech "Weltmeister-Schreck"

Paris/Rom - Schluss mit "Dolce Vita"! Mit der eindrucksvollen WM-Revanche hat Frankreich die Italiener endgültig aus ihren Träumen gerissen. Nach der bitteren 1:3-Niederlage in St. Denis und dem vorausgegangenen blamablen 1:1 gegen Litauen muss der amtierende Fußball-Weltmeister bereits früh um seine Teilnahme an der EURO 2008 in Österreich und der Schweiz zittern und der neue Trainer Roberto Donadoni um seinen Job bangen.

"Donadoni bis zum Ende"

Verbands-Vizepräsident Demetrio Albertini leistet in der Öffentlichkeit aber noch Treueschwüre: "Donadoni verteidigen wir bis zum Ende." Italiens Presse sah am Donnerstag dieses Ende aber schon sehr nahe. "Diese Blamage hinterlässt Spuren", klagte die "La Gazzetta dello Sport", die auf der Titelseite bemerkte: "Schluss mit lustig." "Es sieht schlimm aus", meinte auch der "Corriere della Sera".

Für Donadoni und seine "Azzurri" wird schon das nächste EM-Qualifikationsspiel in Gruppe B am 7. Oktober gegen die Ukraine zum Endspiel. "Jetzt müssen wir gegen die Ukraine und Georgien gewinnen", sieht sich der Nachfolger des gefeierten Marcello Lippi mit dem Rücken an der Wand. "Bei uns herrscht Alarmstufe Rot", erkannte Kapitän Fabio Cannavaro nach der klaren Niederlage im mit 80.000 Zuschauern restlos besetzten "Stade de France".

Schnelle Führung

Nach etwas mehr als einer Minute hatte Sidney Govou die Franzosen schon in Führung gebracht, Thierry Henry erhöhte in der 17. Minute auf 2:0. Milan-Stürmer Alberto Gilardino (20.) brachte die Italiener zwar noch einmal ins Spiel zurück, den Ton gaben aber weiter die Platzherren an, für die Govou mit seinem zweiten Treffer in der 55. Minute den Sieg perfekt machte.

"Wir können damit nicht glücklich sein", gestand Donadoni. "Die magischen deutschen Nächte sind vorbei", klagte die "Gazzetta". Das bei der WM noch unüberwindbare Abwehr-Bollwerk bröckelt, Regisseur Andrea Pirlo scheint sein Drehbuch verlegt zu haben und der beim 1:1 gegen Litauen noch als einziger Lichtblick gefeierte Antonio Cassano war im Sturm harmlos. Damit steht Donadoni mit dem 0:2 im Test in Kroatien eingerechnet nach drei Spielen noch sieglos dar. Zum Vergleich: Unter Weltmeister-Coach Lippi war die "Squadra" zuletzt 20 Monate lang in 25 Spielen (16 Siege und 9 Remis) ungeschlagen geblieben.

"Unaufmerksam" sei sein Team gewesen, meinte Donadoni. Schuld sei die mangelnde Vorbereitung. Die Mannschaft müsse jetzt für das Skandal-Chaos in Italien zahlen. Wegen des auf das kommende Wochenende verschobenen Liga-Starts fehle den Italienern im Gegensatz zu ihren Gegnern in der EM-Qualifikation die Spielpraxis. "Wir machen uns Sorgen, aber wir schaffen das", glaubt Gianluca Zambrotta an ein Comeback der WM-Helden. Ein Debakel wie 1983 werde es nicht geben, als der frisch gebackene Weltmeister Italien kläglich in der EM-Qualifikation scheiterte.

"Weltmeister-Schreck" Domenech

Während in Italien das große Zittern begann, genoss Frankreichs Trainer Raymond Domenech die Genugtuung über die gelungene Revanche 58 Tage nach dem verlorenen WM-Finale in Berlin. "Ich bin glücklich. Erst Brasilien bei der WM und jetzt Italien", freute sich Domenech, dass sich die "Equipe Tricolore" in diesem Sommer das Prädikat "Weltmeister-Schreck" verdient hat. "Wir waren besser als der Weltmeister", betonte der Coach. Nach zwei glatten Siegen sind die auch ohne ihren abgetretenen Superstar Zinedine Zidane auf Weltklasse-Niveau spielenden Franzosen bereits auf bestem Weg zur EM-Endrunde 2008.

DFB-Team permanent in Offensive

Gleiches gilt für Deutschland, das unter Neo-Teamchef Joachim "Jogi" Löw den unter Jürgen Klinsmann eingeschlagenen Erfolgsweg fortsetzt. Das 13:0 über San Marino war der zweithöchste Sieg der DFB-Elf nach dem 16:0 in Stockholm gegen Russland am 1. Juli 1912. Auch 1940 beim Heimsieg in Leipzig über Finnland hatten die Deutschen 13-mal ins Netz getroffen, ohne ein Gegentor zu kassieren. Für Löw war die Anzahl der Treffer in Serravalle aber zweitrangig. "Ob 11, 12 oder 13 das spielt keine Rolle. Wichtig war zu sehen, dass die Spieler permanent nach vorne spielen", sagte der Ex-Austria-Trainer.

Als Hauptgegner der Deutschen um den Sieg in der Gruppe D haben sich die Tschechen nach dem 3:0-Triumph in der Slowakei herauskristallisiert. Die slowakischen Zeitungen reagierten entsetzt auf die peinliche Vorstellung ihrer Mannschaft. "Tschechen zerlegten Slowaken bis zur letzten Schraube", kommentierte etwa "Sme". Und "Novy Cas" fragte auf der Titelseite die Spieler und Trainer Dusan Galis: "Ihr habt uns erniedrigt! Galis, was jetzt?"

Tschechischer "Klassefußball"

"Das war Klassefußball", lobte dagegen der sonst zurückhaltende Tschechien-Coach Karel Brückner seine nach dem frühen WM-Aus wiedererstarkte Mannschaft, die den Abgang von Poborsky und Nedved verkraftet zu haben scheint. Medien in Prag feierten am Donnerstag bereits das "tschechische Konzert an der schönen blauen Donau". (APA/dpa)

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    Italiens Keeper Buffon musste sich in Saint Denis gleich dreimal geschlagen geben.

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