Hickersberger: "Teilweise Mimosen"

2. Oktober 2006, 11:06
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Der geplatzte Kragen: "Wir sind Welt­meister in Ausreden, wir sind schlecht" - Team­chef will die Kicker nun härter anpacken

Wien/Basel - Einmal in Führung gehen, Sicherheit gewinnen, geordneter Spielaufbau aus der Defensive heraus, ruhig spielen - das alles hatte sich Josef Hickersberger für das zweite Länderspiel im Rahmen des Fußball-Turniers in der Schweiz gegen Venezuela gewünscht. Doch genau das Gegenteil trat am Mittwoch in Basel ein. Dem kleinen Schritt nach vorne durch das 2:2 gegen Costa Rica in Genf folgte ein blamables 0:1 gegen Venezuela und die Ernüchterung.

Das große Kopfschütteln

"Normal sollte man über ein solches Spiel länger schlafen", eröffnete der ÖFB-Teamchef am Tag danach und der Rückkehr aus dem EM-Partner-Land weit nach Mitternacht am Mittwoch die Pressekonferenz in Wien. Die Art und Weise, wie seine Schützlinge untergegangen waren, war dem 58-Jährigen noch immer deutlich anzusehen. "So ein Gegner sollte in unserer Reichweite sein, gegen eine solche Mannschaft sollte man nicht verlieren", erklärte er kopfschüttelnd.

Er versuchte trotzdem, die Partie nochmals Revue passieren zu lassen. Das rasche Goldtor habe man den Südamerikanern geschenkt. "Dann war es schwer, gegen gut Fußball spielende Venezolaner. Da darf man nicht auf balltechnische Fehler des Gegners warten, man muss sie erzwingen." Die Einstellung habe überhaupt nicht gestimmt, zwischen Abwehr und Sturm wäre zu viel Raum gewesen, die Defensive sei nicht nachgegerückt und die Angreifer seien vorne stehen geblieben.

Mangelerscheinungen

"Es hat an Laufbereitschaft und am Zweikampf-Verhalten gemangelt, das stimmt mich sehr nachdenklich. Wir sind zum fünften Mal in Rückstand geraten, doch wir sind nicht in der Lage, über unseren eigenen Schatten zu springen und uns zu überwinden. Und mir ist es nicht gelungen, die Bedeutung des Spiels zu vermitteln", meinte Hickersberger in seinem Resümee. Er vermied es, Spieler in der Öffentlichkeit zu kritisieren. Das hat er auch nicht während seiner Rapid-Zeit getan, er redete hinter verschlossenen Türen Tacheles.

Aber es werde sich und es müsse sich etwas ändern in seinem Verhalten der Mannschaft gegenüber und im Training. Hickersberger hat seine Schützlinge "teilweise als Mimosen kennen gelernt", die während Analysen eingeschnappt reagierten. "Wenn wir am 6. Oktober in Liechtenstein so wie gegen Venezuela spielen, dann gibt es verbale Hiebe", kündigte der Teamchef an. Von Geldstrafen - die Spieler haben für das zehntägige Trainingslager am Genfer See und das Remis keinen Cent erhalten - hält er nichts, gefragt sind vielmehr Gespräche und Gespräche.

Schärfer reden

"Obwohl ich mir immer wieder die Frage stelle, wer mir helfen könnte, ist es jetzt sinnlos, personelle Konsequenzen zu ziehen, die ich nicht einhalten kann. Ich muss vielmehr mit einigen Spielern schärfer reden. Auch wenn alle sehr sensibel sind, muss ich Fehler noch klarer, deutlicher und direkter ansprechen." Es könne nicht sein, dass in der Kabine oder in der Pause ein bestimmtes Verhalten eingefordert und dann drei, vier Minuten später alles vergessen werde. "Wir sind Weltmeister in Ausreden, wir sind schlecht und müssen damit fertig werden", brachte es "Hicke" auf den Punkt.

So wie Österreich in Basel gespielt habe, gewinne man keinen Blumentopf, geschweige denn ein Spiel oder eine Spielhälfte. Von seiner allgemeinen Kritik nahm der Teamchef nur Christoph Leitgeb, Thomas Prager und Martin Stranzl aus. Das Trio zählte für ihn zu den positiven Erkenntnissen der vergangenen Tage. "Ich verteidigte die Jungen, weil sie sollten sich in einer Krise an die routinierten Spieler anlehnen können. Wenn es nicht läuft, sind die Routiniers gefragt", sagte Hickersberger. Stranzl habe sich in beiden Spielen als Super-Profi präsentiert.

Stranzl will fliegende Fetzen"

"Er hat schon sieben englische Wochen hinter sich, spielt nun gegen ZSKA Moskau das Derby, nächste Woche in der Champions League und verhält sich trotzdem höchst professionell. Er hat mir gesagt, dass im nächsten Trainingslager die Fetzen fliegen würden", betonte der Teamchef, der Anfang Oktober in Schruns-Tschagguns mit den zwei Länderspielen (6. in Vaduz gegen Liechtenstein und 11. in Innsbruck gegen Schweiz) selbst ebenfalls viel Gesprächsstoff hat. Dann werden Ivanschitz und Co. wieder so betreut und wohnen wie in Nyon. Dazu Hickersberger: "Sie werden behandelt wie Weltmeister, wenn sie dann auch so spielen, mache ich mir keine Sorgen."(APA)

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    Hickersberger will sich ändern.

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