"Eine Britannica habe ich nie besessen" - Wikipedia-Gründer Jimmy Wales im Interview

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    Jimmy Wales am Ende seines Vortrags in Graz

  • "I have a fancy new phone..."
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    "I have a fancy new phone..."

  • "I have never owned Britannica."
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  • "I'm a fan of competition and market solutions."
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Jimmy Wales, der Gründer von Wikipedia im Interview über Youtube, Bürger- Journalismus, den "100 Dollar Laptop" und Angelina Jolie

Mit über fünf Millionen veröffentlichten Artikeln zählt die freie Enzyklopädie zu den 20 meistbesuchten Webseiten weltweit. Knapp 1000 Freiwillige arbeiten als Entwickler, Administratoren oder Lektoren, um den Betrieb zu gewährleisten. Dabei finanziert sich die Non-Profit-Organisation ausschließlich über Spenden. Chairman Jimmy Wales sprach am Dienstag im Rahmen der "Multimedia Applications in Education Conference" (Mapec) auf der Fachhochschule Joanneum in Graz mit Zsolt Wilhelm.

WebStandard: Welche Rolle spielen Sie in der Wikipedia-Community und wie würden Sie Ihre Aufgabe beschreiben?

Jimmy Wales: Ich bin vor allem ein Mediator, ich versuche den Mitgliedern die Arbeit zu erleichtern. Aufgrund meiner Herkunft habe ich eine engere Verbundenheit zur englischsprachigen Gemeinde, dort agiere ich primär als Ratgeber und versuche meine Erfahrung weiterzugeben. Momentan verbringe ich den Großteil meiner Zeit mit Pressegesprächen. Ich repräsentiere unsere Aufgabe nach außen hin und versuche die Idee und Philosophie dahinter zu verbreiten.

WebStandard: Wie funktioniert das Wikipedia-Netzwerk und wie ist die Beziehung zwischen der englischsprachigen und den unterschiedlichen Communities weltweit?

Jimmy Wales: Wir sind mittlerweile in über 100 Sprachen zuhause. Wobei 20 davon als Kommunikationsbasis gesehen werden können. Rein technisch gesehen nützen wir Internet-Chats, Mailing-Listen oder IRC-Channels, um uns zu verständigen. Länderspezifisch gibt es natürlich Unterschiede. So ist die Kommunikation zwischen der englischen und der deutschen Gemeinde recht intensiv, da Englisch hier als Standard fungiert, während der Austausch mit den japanischen Mitgliedern wesentlich schwerer von Statten geht.

Der Grund weshalb englisch so dominant ist, liegt an der Art und Weise, wie Artikel verbreitet werden. Fremdsprachige Einträge werden übersetzt und erreichen so die Leser weltweit – fälschlicher Weise wird oft angenommen, Englisch sei in den meisten Fällen die Sprache der Originalquelle. Ohne Standard würde das System nicht funktionieren, aber wir bemühen uns niemanden auszuschließen.

WebStandard: In einem früheren Interview sagten sie einmal, der Heavy Metal Umlaut-Artikel wäre Ihr liebster Wiki-Eintrag. Das ist nun ein Jahr her, haben Sie ihre Meinung inzwischen geändert?

Jimmy Wales: Nein, nicht wirklich, das ist immer noch eine großartige Geschichte. Ein weiterer Artikel, den ich noch sehr schätze ist Inherently Funny Word. Was ich an ihm mag, ist die wie er sich entwickelt hat. Zuerst war es eine sehr schlecht erzählte Geschichte, die von lustigen Wörtern handelte. Bis zu dem Zeitpunkt als sich immer mehr Leute dem Thema annahmen und meinten, daraus einen vollwertigen Eintrag zu formen. Auch Comedians wie Seinfeld oder die Schöpfer von The Simpsons verbauten die Idee - dass manche Witze einfach nur dadurch lustig werden, weil man ein lustig klingendes Wort darin einbringt - in ihre Sendungen. So wurde im Endeffekt aus absolutem Nonsens tatsächlich ein interessanter Artikel. Im Brockhaus würden Sie den wahrscheinlich nicht finden.

WebStandard: Welchen Eintrag haben Sie zuletzt nachgeschlagen?

Jimmy Wales: Erst gestern habe ich Attila the Hun gelesen. Ich war noch in Budapest und der Organisator der Reise hieß Atilla. So habe ich mir erhofft, mir anhand des Artikels einige witzige Bemerkungen zusammenreimen zu können.

WebStandard: Verwenden Sie eigentlich auch klassische Enzyklopädien wie die Encyclopædia Britannica?

Jimmy Wales: Also, ich hab seit meiner Kindheit niemals eine Ausgabe der Britannica besessen.

WebStandard: Nicht einmal zur Zierde eines Buchregals?

Jimmy Wales: Ja, als Möbel würde sie sich vielleicht gut machen. Nein, im Ernst, meiner fünfeinhalbjährigen Tochter habe ich ein Nachschlagewerk für Kinder gekauft, da die Sprache für Kinder ausgelegt wurde.

WebStandard: Es gibt also noch Verwendung für konventionelle Enzyklopädien?

Jimmy Wales: Ja, klar.

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Zur Person
Jimmy Wales kam 1966 in Huntsville, Alabama zur Welt. Die Universität schloss er mit einem Master in Finance ab. Bis 2001 leitete er das Enzyklopädie-Projekt Nupedia, das anschließend von Wikipedia abgelöst wurde. Im vergangenen Mai wählte ihn das Time Magazine zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

Links
Wikipedia

Wiki News

Youtube

Elephants Dream

itunes

Jimmy Wales Lieblingsartikel
Heavy Metal Umlaut

Inherently Funny Word

Andere Enzyklopädien
Brockhaus

Encyclopædia Britannica

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