Playboys made in Switzerland

18. Jänner 2007, 12:22
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Die Schweizer Gestaltertruppe "Big-Game" spielt in ihren Arbeiten auf Designteufel komm raus mit Traditionen sowie mit der Pop- und Produktkultur

Es gibt ein Bild von den dreien, da wirken Eldric Petit, Grégoire Jeanmonod und Augustin Scott de Martinville wie eine Boygroup des Designs. Bekleidet mit gleichen schwarzen Pullovern, neckisch zum Aufknöpfen an der linken Schulter, blasen sie die Backen auf, als wollten sie dem Designzirkus mächtig Dampf machen: Hier kommen drei Typen, die sind "Big-Game" - Design-Großwild - keine kleinen Fische.

Schon ist man mittendrin im Spiel der Mitt- und Endzwanziger, die im vergangenen Jahr ihr Studium an der École cantonale d'art de Lausanne (Ecal) beendet haben und nun, nach der ersten kleinen Kollektion, schon einen großen Kunden wie Ligne roset an der Angel haben. Ein Spiel, bei dem sich die Jungdesigner ausgiebig der Tradition bedienen und doch ganz zeitgenössisch entwerfen, ein Spiel, bei dem der Kopf an Eklektizismus denkt, aber das Herz Innovation fühlt und vice versa.

"Es kann nichts Neues aus dem Nichts entstehen", sagt Augustin Scott de Martinville, "wir sind von so vielen Codes und Referenzen umgeben, dass wir mit dieser Situation ganz einfach umgehen müssen." Das ist nicht neu, doch die Herangehensweise der Gestalter lässt aufhorchen. Auf den Punkt bringen der Schweizer Elric, der Franzose Augustin und der Belgier Grégoire mit ihrer Kollektion "Heritage in progress", was unsere Retro-Gesellschaft so zaudern lässt: Wir hängen an Altem und fordern doch Neues, wir debattieren über traditionelle Werte, von denen sich der Großteil vielleicht längst verabschiedet hat, wir wissen nicht wohin, aber wollen es besser wissen. Und immer soll es vorangehen.

Design mit Projektion

Die drei Jungs würden jetzt wahrscheinlich tief Luft holen, die Backen noch stärker aufblasen und sich freuen, dass ihr Spiel läuft. Denn so harmlos ihr Design daherkommt, so vielseitig lassen sich Bezüge darauf projizieren. Allen voran die "Animaux" (für Vlaemsch). Hier spielen die Begriffe Erbe und Fortschritt noch die augenfälligste Rolle, denn wer einen Hirsch-, einen Reh- und einen Elchkopf an die Wand hängt, der will die Referenz an die klassische Jagdtrophäe gar nicht verneinen. Durch das Material, zusammensteckbares und billiges Sperrholz, reisen die Objekte allerdings di- rekt in unsere Ikea- und Baumarktgegenwart.

"Unserem Design liegt eine Hauptidee zugrunde: Kindlichkeit, vielleicht sogar kindisch sein", sagt Augustin Scott de Martinville und weist damit auch Interpretationen von sich, die in den hölzernen Tierköpfen eine Kritik an der Jagd sehen. Das Spiel bleibt immer ein Spiel, mehr nicht. Es manipuliert die Referenzen, aber was man daraus macht, bleibt dann doch jedem selbst überlassen. Hinter so viel Unbekümmertheit steckt auch handfester Pragmatismus: Die drei wollen erst einmal lernen, wie das Business funktioniert. Schon die Gründung von Big-Game entbehrt jeglichen Glamours. Augustin und Grégoire wohnten während ihrer Studienzeit in Lausanne in derselben Wohngemeinschaft und sagten sich irgendwann "Lass uns etwas zusammen machen". Auf einer Ausstellung in Mailand stießen sie auf den ebenfalls an der Ecal studierenden Elric, mit dem man gleich auf einer Wellenlänge war. "Klar denken wir nicht komplett gleich. Wir mixen einfach alles zusammen."

Im vergangenen Dezember haben die Designer bereits den "Goldenen Hasen" des Museums für Gestaltung in Zürich abgestaubt - und vor kurzem wurden sie beim großen "Eidgenössischen Wettbewerb für Design" ausgezeichnet.

Neuinterpretation traditioneller Formen

Warum Big-Game sich auf die zeitgemäße Neuinterpretation traditioneller Formen beruft, statt dem Zeitgeist gemäß etwa biomorphe Formen oder futuristische Objekte zu entwerfen? "Ich trage ei-ne ganz andere Kultur in mir", antwortet Augustin darauf. "Meine Familie lebt in einem Haus ohne Design, vollgestopft mit Mobiliar aus dem 19. Jh. Überhaupt sind in der Schweiz viele alte Chalets wirklich erstaunlich eingerichtet. Das prägt."

So entwirft Big-Game also Tischböcke namens "Tréteau", die mit ihrer barocken Silhouette Bezug auf Altes nehmen, aber technisch mit CNC (computergesteuerter Maschinensteuerung) in einem High-tech-Prozess hergestellt werden und inzwischen vom Schweizer Möbelunternehmen Ligne roset in furniertem MDF zu kaufen sind. Ähnlich auch die "Patères", Kleiderhaken in Form von Scherenschnitten aus dem 18. Jahrhundert - selbstverständlich porträtieren sie einen Zeitgenossen. Oder die Bodenlampe: Hier trifft bürgerliches Wohnen auf ein Objekt, wie es auf Baustellen verwendet wird. Den simplen Halogenstrahler, dessen genial gebogenes Stahlrohr zugleich Standfuß und Tragegriff ist, lässt Big-Game aus rostfreiem oder goldüberzogenem Stahl produzieren und entführt das "objet trouvé" vom Bau aus dem Arbeiterumfeld, indem ihm ein schlichter Lampenschirm verpasst wird. Ohne Humor wagt man sich an solch fröhliche Verwurstung von Tradition nicht heran. Kein Wunder, meinen die Big-Gamer, Humor und Ironie sind in unserer Generation längst so kulturell verankert, dass man dem gar nicht mehr ausweichen kann. Haben sich die drei mit "Heritage in Progress" noch in die Tradition geflüchtet, spielen sie mit den neuesten Produkten eher mit der Popkultur - genauer gesagt: mit Elementen wie dem TV-Format "Pimp my car". Wo bei MTV zu Gangsta- Rap amerikanische Beinaheschrottkarren zu Edelkarossen aufgemotzt werden, geht Big-Game subtiler vor. Billige Objekte wie die Kappe eines Bic-Kugelschreibers oder ein simples Preisschild sind aus Gold gefertigt und geben dem massenhaften Gebrauchsobjekt einen luxuriösen Touch.

Das ganze ist freilich nicht zu ernst gemeint, so heißt die Kollektion, die im Jänner auf der Möbelmesse in Köln vorgestellt wurde, denn auch "New Rich": Und Neureichen wurde in der Menschheitsgeschichte selten Wohlwollen entgegengebracht - jedenfalls nicht von denen, die aus Tradition zu Geld gekommen sind, womit man doch wieder beim Thema Erbe wäre. In Köln hatten die Jungs zumindest ihren Spaß: Sie präsentierten ihre Schmuckstücke, die ab Herbst bei +41 zu kaufen sein werden, in einem schwarzen Koffer - als seien sie Schwarzmarkthändler. Manch Besucher glaubte tatsächlich, das Trio wolle ihnen gefälschte Gucci-Taschen andrehen.

"Pack Sweet Pack"

Ihr neuester Streich spielt erneut mit Gegensätzen. Ging es bei den ersten Arbeiten um die Counterparts zwischen bourgeois-provisorisch und luxuriös-billig, vereint "Pack Sweet Pack" Verpackungsmaterial mit der Funktion von Möbeln. Der Teppich "FlatPack" zum Beispiel, welcher in einer limitierten Auflage von der renommierten französischen Galerie Kreo herausgegeben wird, schaut aus wie ein aufgefalteter Umzugskarton.

Beim Sitz "Tetra" haben sich die Großwilddesigner der Ursprungsform des Tetrapaks besonnen. "Wir glauben an die Energie, die aus der Konfrontation verschiedener Universen resultiert", beschreibt Augustin Scott de Martinville die treibende Kraft hinter all ihren Entwürfen. Mittlerweile ist ein vierter Ecal-Absolvent zu Big-Game gestoßen, auf dass sie ein Big Player im Design werden. Adrien Rovero macht allerdings keine dicken Backen, sondern eher auf dicke Hose. Auf einem Foto auf der Website von Big-Game tauchte er, lässig am Pick-up lehnend, in Cowboymontur auf - auch wieder so ein Eklektizismus: Boygroup trifft Countryboy. (Mareike Müller, Der Standard/Rondo/08/09/2006)

  • Die Wildsaison eröffneten die Big-Game-Designer mit ihren "Animaux" aus der Kollektion "Heritage in progress". In erster Linie geht es den Gestaltern dabei um das Spiel mit Tradition und Lifestyle.
    foto: milo keller

    Die Wildsaison eröffneten die Big-Game-Designer mit ihren "Animaux" aus der Kollektion "Heritage in progress". In erster Linie geht es den Gestaltern dabei um das Spiel mit Tradition und Lifestyle.

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