Die grüne Seekuh

22. Jänner 2007, 21:44
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Kawasaki verspricht viele Neuerungen an der Supersportlerin ZX-10 R - Ob diese auch etwas bringen, weiß Guido Gluschitsch

Die 10er Kawas waren bis dato ja nicht gerade für ihr extrem leichtes Handling bekannt. Das gesteht auch Magic Alois, der Mann fürs Grobe und Feine bei Kawasaki Österreich. Er reichte mir den Schlüssel zu einer grünen Kawasaki ZX-10 R. Einer Seekuh, wie ich sie liebevoll nenne.

2006 bescherte man der 10er nämlich nicht nur einige Änderungen an Fahrwerk und Motor, sondern auch ein neues, tierisches Gesicht. Als die ersten Bilder an die Öffentlichkeit kamen, meinten viele Kawasaki-Fans, dass die Preise für das 2005er Modell wohl bald steigen würden.

In der Tat ist das neue Antlitz gewöhnungsbedürftig. Während alle Hersteller ihren Hyper- und Supersporteisen einen bösen Blick verleihen, geht Kawasaki den anderen Weg. 175 Pferden ein derart niedliches Gesicht zu verpassen, sorgte wohl für einiges Gelächter in den Boxenstraßen dieser Welt: "Ach wie süß. Gibt es die auch in Plüsch?" und "Jö, Nemos neue Freundin hat Räder ...".

Zurück zu den Fakten: 2006 erhöhte man das Gewicht der Kurbelwelle. Eine einfache Methode, um die Leitungs- und auch die Drehmomentkurve ein wenig zu glätten. Dadurch wird der Motor zwar ein bisschen träger, dafür aber weniger ruppig.

Das italienische Motorradmagazin "INMOTO" veröffentlichte schon im Juni die Daten, die sie auf einem Prüfstand erhoben haben. Dort brachte die Kawa zwar eine schöne Leistungskurve, bei der 163,8 PS erreicht wurden, aber der Drehmomentkurve würden sich sogar die besten Wellenreiter dieser Welt nur mit Respekt nähern. Diese gibt ihre Spitze bei 8.050 Touren mit 116,25 Nm an. Darunter und darüber spielt es Hochschaubahn, als hätte meine Oma versucht, ohne ihre Tabletten einen Berg zu zeichnen.

Um das Lenkerflattern der 2005er in den Griff zu bekommen, montierte man serienmäßig einen Lenkungsdämpfer von Öhlins. Laut Magic Alois soll der auf der Straße offen gefahren und nur auf der Rennstrecke festgedreht werden. Was das für Fahrer wie den Herrn Rudolf heißen mag, lasse ich dahingestellt. Denn er fährt auf der Straße schneller als viele andere auf dem Ring. Aber der Herr Rudolf nennt noch eine 2004er sein eigen.

Die ist fast baugleich mit der 2005 erschienenen ZX-10 R. Und er drischt diese schon ums Eck, dass einem Hören und Sehen vergeht. Zurzeit würde einem vor allem das Hören vergehen, weil er gerade keinen Auspuff montiert hat. Oder wie der Herr Rudolf selbst meint: "Ich werde am Wochenende ganz furchtbar anschraufen. Den neuen Auspuff nämlich." Aber das ist eine andere Geschichte. Der Herr Rudolf würde sich mit der neuen ZX wohl spielen. Für ihn wäre sie eine Sänfte, nehme ich an.

Jedenfalls, ich hatte auch schon die Ehre, seine alte Kawa zu fahren. Stellen S’ Ihnen einen Ochsenkarren mit über 150 PS vor. Genau. So geschmeidig lässt sich die alte Kawa fahren. Keine Freude auf den Bergstraßen des Trentino. Dort tauschten wir nämlich kurz die Eisen. Ich hatte, wie Sie sich vielleicht erinnern können, die siemahoiba Gixxen im Gepäck. Es waren wohl keine 30 Minuten vergangen, bis ich den Herrn Rudolf anflehte, mir wieder die Suzuki zu geben.

>>> Kein sechster Gang

Von dem Standpunkt aus betrachtet, hat Kawasaki doch einiges geschafft. Die Neuerungen in Richtung Fahrbarkeit merkt man sofort. Wenn ich dann allerdings an die R1 denke, die ja in der gleichen Liga kämpft, dann wird klar, welchen Weg die Grünen noch vor sich haben. Die R1 lässt sich auch um enge Kurven leicht fahren. Das verlangt auf der ZX 10 R doch mehr als nur guten Willen.

Dass die auf Öhlins umgebaute R1 fahrwerktechnisch besser sein muss, nehme ich einmal als ungeschriebenes Gesetz an. Doch auch die originale R1 ist in Punkto Handling der pure Luxus gegen die brettelharte ZX-10. Erst hab ich mich ja gefragt, ob mir auf der Seekuh leicht dauernd kalt sei, weil meine Zahnderl so aufeinander schlagen. Aber nix da. Mir hat es fast die Plomben rausgeklaubt, so hart ist die Kawa eingestellt. Da kann man getrost auf den Ring fahren, ohne schrauben zu müssen. Nur halt eher in Brünn als in Wien.

Und die Rennstrecke ist ja wohl auch die Heimat der ZX-10 R. Für den Straßenbetrieb gibt es geeigneteres Gerät. So ganz verstehe ich eh nicht, was man mit einer Supersport-1000er abseits der Rennstrecke für einen Spaß finden will. Bei der Kawa waren im ersten Gang über 170 km/h laut Tacho abrufbar. Ob der sechste Gang überhaupt rein gegangen wäre, weiß ich bis heute nicht, weil ich ihn nie brauchte. Bei 299 km/h regelt die ZX 10 R automatisch ab. Gut. Aber wo will man die auf der Straße fahren? Eben.

Dazu kommt, dass das Fahrwerk für den Alltagsbetrieb nicht ausgelegt ist. Also nein, das muss ja nicht sein. Allein das Mäusekino vermag auch den Straßenfahrer zu unterhalten. Neben einem Laptimer spielt die Armatur sämtliche Stückerln. Sie schaut echt edel aus mit dem analogen Drehzahlmesser und dem Feld für die digitalen Anzeigen, das so montiert ist, dass man meint, es schwebe im Gehäuse. Damit an der Ampel zu spielen wird aber nicht drinnen sein. Zu viel Konzentration braucht man schon vor dem Start, um die Fuhre heil ans Ziel zu bringen. (Guido Gluschitsch, derStandard.at, 7.9.2006)

Kawasaki ZX-10R

Preis: EUR 15.999,-

Herstellerdaten: Motor: Luftgekühlter 4-Zyl.-Motor, 4-Takt. Hubraum: 998 ccm. Leistung: 128,7 kW/175 PS. Max. Drehmoment: 115 Nm bei 9500 U/min. 6-Gang-Getriebe. Federung: Upside-down-Gabel vorne, Uni-Trak, Gasdruck-Stoßdämpfer hinten. Bremsen: Zwei Scheiben vorne, eine hinten. Sitzhöhe: 825 mm. Trockengewicht: 175 kg. Tank: 17 l.

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Kawasaki

  • Gibt es nicht in Plüsch: Die Ninja ZX-10 R.
    foto: werk

    Gibt es nicht in Plüsch: Die Ninja ZX-10 R.

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