Kampusch im lang erwarteten TV-Interview

5. Oktober 2006, 16:25
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Dem Entführungsopfer gehe es "den Umständen entsprechend gut" - Priklopil hatte ihr Vorschläge zur Flucht gemacht

Wien - Natascha Kampusch gehe es "den Umständen entsprechend gut". Im Interview sprach die 18-Jährige ausführlich über ihre Entführung, die Zeit in der Gefangenschaft, ihre Flucht und ihren derzeitigen Zustand. Die Fragen waren mit Kampuschs Betreuern abgesprochen worden, ihr Psychiater Max Friedrich und Medienberater Dietmar Ecker waren zudem beim Interview anwesend.

Stark erkältet

Ihre Zeit verbringe sie jetzt in erster Linie damit, "mich von den Strapazen der Flucht" zu erholen, sich zu entspannen, mit den Eltern zu telefonieren, sagt Kampusch, die wegen einer starken Erkältung während des Interviews immer wieder die Augen schließen musste. "Ich hab mich gestern und vorgestern mit meiner Mutter schon getroffen." Die Personen, denen sie derzeit am meisten vertraue, seien "Dr. Friedrich zum Beispiel. Aber auch die ganzen Psychologen und so... Aber hauptsächlich vertraue ich aber meiner Familie, und auf mich halt."

Über ihre Gefangenschaft erzählt Kampusch, ihr Entführer habe ihr auch Vorschläge zur Flucht gemacht. "Das war seine Paranoia", so die sehr selbstsicher wirkende Kampusch im Interview mit . Es sei fast so gewesen, als hätte Priklopil gewollt, dass sie irgendwann frei kommt. "Irgendwie, dass die Gerechtigkeit siegt oder so."

Entführung: "Versuchte zu schreien"

Über ihre Entführung erzählt Natascha Kampusch, sie habe versucht zu schreien." Aber es sei kein Laut rausgekommen. Priklopil habe Natascha Kampusch gewarnt: "Während des Startens hat er schon gesagt, dass mir nichts passiert, wenn ich das mache, was er sagt." dass sie ruhig sein und sich nicht rühren soll. Später habe er gemeint, dass es eine Entführung sei und wenn ihre Eltern was zahlen, könne sie noch am selben Tag oder am nächsten Tag wieder zu Hause sein.

Sie habe vom ersten Moment an "keinerlei Angst" gehabt. "Im Gegenteil. Ich dachte mir: Der bringt dich sowieso um." Sie dachte sich, dass sie ihre letzten paar Stunden, Minuten gezielt nützen könne. "Zu fliehen oder auf ihn einzureden oder so irgendwie." Sie habe ihm gesagt, dass das nichts werde und dass unrecht Gut nie gedeihen werde. Und dass die Polizei ihn schon schnappen werde.

Später im Haus habe sie versucht, Einzelheiten genau zu erkunden, um das eventuell später der Polizei mitzuteilen. "Ich war zu dem Augenblick, zu diesem Zeitpunkt noch sicher, dass mich die Polizei finden und befreien wird. Und dass das ein gutes Ende haben wird."

Mit Flaschen an die Wände geschlagen

Das erste halbe Jahr ihrer Gefangenschaft befand sich Natascha Kampusch wie in Isolationshaft im Keller. "Es war furchtbar. Und ich habe beinahe klaustrophobische Zustände bekommen. In diesem kleinen Raum. Und schlug mit Mineralwasserflaschen an die Wände oder mit den Fäusten. Erst nach rund sechs Monaten durfte sie zum ersten Mal zum Waschen ins Haus Priklopils hinauf.

Die Beziehung zu ihrem Entführer war ambivalent. "Er hat alles kontrolliert. Er war sehr paranoid", sagte die 18-Jährige. Anfangs bekam sie lediglich Zeitungen zu lesen, Radio dürfte sie erst nach zwei Jahren hören. Nach der Lektüre durchsuchte Priklopil die Zeitschriften, ob Natascha Kampusch nicht Botschaften darauf geschrieben oder "Nachrichten verschluckt" hätte. Auch Meldungen über die Suche nach ihr hat ihr Peiniger vor dem Opfer versteckt. Später wurden ihr aber auch die Nachrichten über ihren Fall zugänglich gemacht. "Weil ich ihm gesagt hab', dass das nicht Recht wäre, mir diese Informationen, da sie ja mich betreffen, zu entziehen", so die junge Frau.

Priklopil "hatte sehr starkes schlechtes Gewissen"

Andererseits hat sie mit ihrem Entführer auch die Feste wie Ostern, Weihnachten und ihren Geburtstag gefeiert. "Ich hab' ihn dazu genötigt, es mit mir zu feiern. Ja, er hat mir viele Sachen geschenkt", erzählte die junge Frau. "Ich glaube, er hatte ein sehr starkes schlechtes Gewissen. Aber er versuchte, es massivst zu verdrängen und abzuleugnen", sagte die junge Frau.

Natascha Kampusch berichtete in dem TV-Interview mit dem ORF auch über die "Ausflüge" mit Wolfgang Priklopil. Der Entführer habe sich dabei "sehr vorsichtig" verhalten. "Ist kaum von meiner Seite gewichen. Hat jedes Mal panikartige Zustände bekommen, wenn ich auch nur drei Zentimeter von ihm entfernt gestanden bin. Er wollte immer, dass ich vor ihm gehe und nie hinter ihm. Damit er mich immer im Auge behalten kann.

Zeichen gegeben

Priklopil habe gedroht, jenen Menschen etwas anzutun, denen sie sich anvertrauen würde, sagte Kampusch. Sie habe trotzdem versucht, Zeichen zu geben, berichtete die 18-Jährige. "Es war nicht genug Zeit, bis ich denen das erläuterte. Hätte ich nur einen Mucks gemacht, hätte er das schon unterbunden und mich weggezerrt."

Das Entführungsopfer erinnerte sich an Begegnungen beim Einkaufen. Sie habe nur "hilflos zuschauen" können, wie Proklopil "den Verkäufer abwimmelt". Da habe sie gerade noch die Möglichkeit gehabt, den Verkäufer anzulächeln: "Ich habe versucht, so zu lächeln, wie ich es auf den Fahndungsfotos tue."

Inkognito Eis Essen

Der erste Wunsch von Natascha Kampusch in der wiedererlangten Freiheit? "Es gab sehr viele Wünsche. Der hauptsächliche Wunsch, den ich mir erfüllt habe, ist die Freiheit. Einkaufen war ich. Ich war inkognito Eis essen." Dabei hätte sie auch wieder eine erste echte Begegnung mit vielen Menschen gehabt, was sie als neu empfunden habe. Die Menschen hätten sie, Natascha Kampusch, nicht erkannt: "Wir sind auch mit der U-Bahn gefahren. Und es war toll, die Menschen alle anzulächeln. Keiner hat mich erkannt." Mittlerweile hätte sie bereits Freundschaften schließen können.

"Wollten mich vor Glück zerquetschen"

Beim ersten Kontakt mit ihren Eltern - so die 18-Jährige - sei es ebenfalls für sie zu einer eigenartigen Situation gekommen: "Also das Komische war, dass meine Eltern - so wie sämtliche Verwandte - geweint haben, mich umarmt, gedrückt haben. Und ich, in dem Moment habe ich mich ein bisschen überfordert und ein bisschen beengt gefühlt. Die Polizisten haben es auch nicht gefasst. Die (alle, Anm.) wollten mich vor Glück zerquetschen."

Meine Mutter hat die Hoffnung nie aufgegeben, dass ich noch lebe. Es liegt bei uns nichts dazwischen. Bei uns ist es eher so, als wäre gar nichts geschehen."

Zu ihren Bildungswüschen meint Kampusch, möglicherweise würde sie auch Schauspielerin werden: "Ja, schon, aber seien wir uns doch ehrlich, Hollywood ist auch nicht so. Meine Mutter hat immer gesagt, wenn Du groß bist, kommst Du auf die 'Burg'."

"Will mich nicht mit Verunglimpungen befassen"

Natascha Kampusch verfolgt die Medienberichterstattung mit offenbar mit gehöriger Distanz: "Im Prinzip möchte ich mich nicht mit solchen Verunglimpfungen, Verleumdungen und Demütigungen belasten. Ich habe so viel zu tun, medizinische Untersuchungen, Gespräche, alles Mögliche."

Was die 18-Jährige ärgert: "So Sachen, die einfach der Unwahrheit entsprechen. Missbauch. Vor allem ärgern mich die Fotos von meinem Verlies. (...) Warum sollten die Leute in mein Zimmer schauen. Das ist schon ein Eingriff in meine Persönlichkeit." Sie, Natascha Kampusch, blicke ja auch nicht in anderer Leute Wohnung.

"Vielleicht ein Buch schreiben"

Unklar ist, ob Natascha Kampusch über ihre Erlebnisse einen eigenen Bericht aus erster Hand schreiben wird: "Ich werde vielleicht oder auch nicht ein Buch über mich schreiben. Aber will nicht, dass sich ein anderer als Experte über mein Leben ausgibt." (APA, red)

Link
ORF On zeigt online Ausschnitte aus dem TV-Interview mit Natascha Kampusch: iptv.orf.at
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