Vergiftung bleibt ungelöstes Rätsel

2. Oktober 2006, 15:26
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Zwei Jahre nach Dioxin-Vergiftung des damaligen Präsidentschaftskandidaten Juschtschenko ist der Fall noch immer nicht geklärt

Die Staatsanwaltschaft in Kiew gibt sich maximal bedeckt. "Im Interesse der Ermittlungen und um objektiv zu bleiben, unterliegen die Informationen der Geheimhaltung", erklärt Pressechef Olexij Bebel auf Anfrage des Standard. Kein Sterbenswörtchen ist ihm über den Ermittlungsstand zu einem der Aufsehen erregendsten Fälle der vergangenen Jahre zu entlocken: der Vergiftung des ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko.

Zwei Jahre nachdem die ersten Krankheitserscheinungen beim seinerzeitigen Präsidentschaftskandidaten die weltweite Aufmerksamkeit auf den ukrainischen Wahlkrimi zogen, bleiben Umstände und Hintergründe des vermuteten Verbrechens nach wie vor im Dunkeln. Auch in der Bevölkerung und den ukrainischen Medien ist die frühere Causa Nummer eins kein Thema mehr. "Juschtschenkos Rating ist im Keller, von der Revolution nichts geblieben", sagt Vladimir Malinkowitsch vom Institut für politische Forschung in Kiew: "Die Leute haben das Interesse an dieser Geschichte verloren."

Abendessen

Am 5. September 2004 hatte Viktor Juschtschenko mit dem Chef und dem Vizechef des ukrainischen Geheimdienstes SBU, Ihor Smeschko und Wolodymyr Saziuk, zu Abend gegessen. Wenige Stunden später kündigte sich eine Krankheit an, die seine Organe lebensgefährlich angriff und das Gesicht fast bis zur Unkenntlichkeit entstellte. Die Vergiftungsversion kursierte von Anfang an; die behandelnden Ärzte im Wiener Rudolfinerhaus sprachen aber erst im Dezember 2004 erstmals von einer Vergiftung mit Dioxin.

Die letzte Information für die Öffentlichkeit bleibt demnach die Präsentation einer gerichtsmedizinischen Expertise im Juni dieses Jahres durch die Staatsanwaltschaft. Viktor Juschtschenko sei "vorsätzlich vergiftet worden", konstatierte sie und bestätigte, dass sich Dioxin in seinem Körper befinde. Mehr ist nicht bekannt. Den Einwand, dass sich dies nach zwei Jahren Ermittlungen doch dünn ausnehme, pariert Pressechef Bebel mit einem lakonischen: "Es wird ermittelt."

Vermutungen über die Drahtzieher gab es zahlreiche: der russische Geheimdienst, der ukrainische oder gar Juschtschenkos frühere Verbündete Julia Timoschenko. "Das wird sicher nie aufgeklärt werden", meint Vladimir Polochalo, Politologe und Abgeordneter im "Block Julia Timoschenko": "Weder Juschtschenko noch die neue Koalition haben den politischen Willen dazu." Auch Malinkowitsch glaubt nicht an eine Aufklärung. "Entweder ist es unmöglich, Spuren zu finden - oder sie führen nicht dorthin, wo man sie haben wollte." (Eduard Steiner aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 7.9.2006)

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