18-Jährige redete sich die Qualen von der Seele

5. Oktober 2006, 16:38
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Ein "Folteropfer", das Verzweiflung und Ohnmacht erleben musste, sich Journalistenfragen aber redegewandt stellt: So präsentiert sich Natascha Kampusch in den ersten Interviews

Wien – Die zehnjährige Natascha Kampusch, die ihrem Entführer Wolfgang Priklopil schon im Mercedes-Kastenwagen den Satz "dass Unrecht Gut nie gedeihen wird" entgegenschleudert. Die "die schlimmsten Befürchtungen, was er mit mir anstellen könnte" nicht als "Angst" erinnert: "Ich dachte mir, der bringt dich sowieso um."

"Klaustrophobische Zustände"

Das in ein stockdunkles, unmöbliertes Verlies geworfene Mädchen, das in seiner Verzweiflung und Ohnmacht "mit Mineralwasserflaschen oder mit den Fäusten an die Wände schlägt". Das später "das ewige Rauschen des Ventilators kaum ertragen" kann, sodass sie "beinahe klaustrophobische Zustände" bekommt. "Wenn er mich nicht irgendwann rauf ins Haus genommen hätte, ich weiß nicht, ob ich dann nicht wahnsinnig geworden wäre."

Die zur jungen Frau gewordene Natascha Kampusch, die bei Ausgängen mit Priklopil vergebens versucht, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. Mit "diesen netten Verkäufern im Baumarkt zum Beispiel. Die einen dann so fragen: Kann ich ihnen vielleicht helfen?" Die aber nicht helfen hatten können, weil sie nichts wussten.

"Das war Folter"

Diese drei Szenen, die Kampusch auch in ihrem ersten Fernsehinterview anspricht, das Mittwochabend in ORF 2 ausgestrahlt wurde, haben den Kinderpsychiater Ernst Berger "besonders beeindruckt". Für den Betreuer, der sich um die mittel- bis langfristige Unterbringung der 18-Jährigen kümmern wird, ist klar: "Was Priklopil Natascha Kampusch angetan hat, war Folter. Das waren NS-Methoden".

Knappe Luft im Keller

So sei etwa Kampuschs drei Meter unter dem Erdboden befindliches Verlies "mit einem Luftansauger ausgestattet gewesen, der immer gerade so viel atembare Luft produzierte, dass es einer Person für rund 30 Stunden reichte". Das Licht habe Priklopil von außerhalb ein- und abgeschaltet - "und genug zu Essen hat Kampusch von ihm auch nicht immer bekommen". Luft-, Dunkelheits- und Hungerfolter: "Meine Mutter hat von ihren Verhören bei der Gestapo Ähnliches erzählt", sagt der namhafte Psychiater.

Legebatterie

Weniger Kampuschs Leidensweg, sondern ihre inneren Widerstandsreserven hingegen stehen im Mittelpunkt ihres Interviews in der Zeitschrift News. "Ich hatte immer den Gedanken. Ich bin sicher nicht auf die Welt gekommen, dass ich mich einsperren und mein Leben vollkommen ruinieren lasse ... Ich habe mich immer gefühlt wie ein armes Hendl in einer Legebatterie", schildert sie da ihre Gefühle während der vergangenen acht Jahre.

Ihren Entführer Wolfgang Priklopil nennt sie "den Verbrecher". Er sei "chronisch misstrauisch gewesen". Sie habe "davon geträumt, ihm den Kopf abzuhacken, hätte ich eine Axt besessen" - und habe "immer wieder nach logistischen Lösungsansätzen" für eine Flucht gesucht.

Schlagfertig

Das Wort "logistisch" kommt der 18-Jährigen dabei offenbar ebenso leicht über die Lippen wie so manche schlagfertige Antwort: "Waren Sie eigentlich in den letzten acht Jahren nie krank?", fragt da Interviewer Alfred Worm die beim News-Termin schwer verschnupfte Kampusch: "Doch - aber ich musste in dieser Zeit keine Interviews geben", meint sie darauf.

An den Tag der Entführung, den 2. März 1998, kann sich die 18-Jährige mit der gewählten Ausdrucksweise, aber teils verkrampften Handbewegung, im ORF-Gespräch minutiös erinnern. An diesem Morgen sei sie "sehr traurig" gewesen, weil es am Abend zuvor einen Streit zwischen ihren Eltern gegeben habe. Ein "Merksatz meiner Mutter: 'Man soll nie böse auseinander gehen. Man soll sich immer vertragen. Denn es könnte ja ihr oder mir etwas passieren, und wir sehen uns nie wieder'", sei ihr beim Verlassen der Wohnung durch den Kopf gegangen, erzählte sie dem Interviewer Christoph Feurstein.

Bauchgefühl

Den Entführer Wolfgang Priklopil habe sie ein paar Gassen weiter "aus einigen Metern Entfernung bei seinem Auto stehen gesehen". Aus "irgendeinem Bauchgefühl" heraus, "weil man über diese 'Kinderverzahrer' gehört hat in der Schule", habe sie kurz daran gedacht, die Straßenseite zu wechseln. Doch dann habe sie "dieses Bauchgefühl meiner aufgeladenen Stimmung zugeschrieben. Ich dachte: Der wird dich schon nicht beißen. Und ich bin einfach weitergegangen".

"Er packte mich..."

"Er packte mich. Ich versuchte zu schreien. Aber es ist nicht...", setzte die junge Frau zur Erzählung an. "Es kam kein Laut raus", half ihr Feurstein – wie bei mehreren anderen emotional anstrengenden Schilderungen auch – im Gespräch weiter. Priklopil – so Kampusch – habe sie ins Auto gezerrt und ihr gesagt, dass er von ihren Eltern Lösegeld fordern wolle; was er in Wirklichkeit niemals tat.

Halbes Jahr im Verlies

Zu Beginn ihrer Gefangenschaft habe sie ein halbes Jahr lang ohne Unterbrechung in Priklopils Strasshofer Verlies verbringen müssen, erzählte die junge Frau. Der enge Ort im Keller sei wirklich ihr "Verlies", nicht ihr "Raum" gewesen, wie sie es in ihrem "Brief an die Weltöffentlichkeit" von vergangener Woche formuliert hatte. Das Wort Raum "hat mir der Doktor Friedrich vorgeschlagen, um ehrlich zu sein. Aber trotzdem: Verlies klingt einfach besser. Und die deutsche Sprache bietet nicht mehr Möglichkeiten".

Nicht, dass ich mich einschmeichle!

Nach einem halben Jahr erst habe der Entführer sie dann "zum Waschen" ins Haus hinauf gelassen. Nach zwei Jahren erst habe er ihr erlaubt, sich im Fernsehen die Nachrichten anzuschauen. Auch das Radio, das eine Quelle für Informationen und Wissen für sie werden sollte, habe sie erst zu diesem Zeitpunkt erhalten: "Ich habe einfach die Nachrichten im ORF oder so gehört. Nicht, dass ich mich einschmeichle!", sagte sie leicht verschmitzt zu Feurstein.

Mit der Zeit dürfte es ihr gelungen sein, das zu Beginn auf ihrer absoluten Unterwerfung basierende Verhältnis aufzuweichen. So habe sie "Herrn Priklopil dazu genötigt", mit ihr Geburtstag, Weihnachten und Ostern zu feiern: "Er hat mir viele Sachen geschenkt. Er war offenbar der Meinung, dass er mir wenigstens in dieser Art eine gewisse Entschädigung oder Gleichberechtigung mit den anderen Menschen draußen in der normalen Welt gibt".

Schlechtes Gewissen

Priklopil habe "ein sehr starkes schlechtes Gewissen" gehabt. Dieses jedoch – so Kampusch psychologisierend – habe er "versucht, massivst zu verdrängen und abzuleugnen. Und gerade das hat gezeigt, dass er ein schlechtes Gewissen hat."

Bedauern für Mutter des Täters

Kampusch beteuert, dass die Mutter des Täters von den Feiern – wie überhaupt von ihrer Anwesenheit im untersten Geschoss – nichts gewusst habe. Gerade die Worte über und an diese Frau strengten sie im ORF-Gespräch jedoch sichtbar an. Nach dem Suizid Priklopils nur Stunden nach ihrer geglückten Flucht täte es ihr "irrsinnig Leid für die Frau Priklopil. Dass dieses Bild "sozusagen zerstört ist".

Die Mutter des Täters – so Kampusch – habe "ihren Glauben an die Welt verloren an diesem Tag. Und ihren Glauben an den Sohn. Und ihren Sohn", versetzte sie sich radikal in die Lage der älteren Frau. Es sei ihr auch "völlig bewusst" gewesen, "wie ich geflohen bin, dass ich damit auch ihn zum Tode verurteile, weil er mir immer mit Selbstmord drohte", nahm das Opfer vermeintliche Schuld auf sich.

Emotionale Abgründe

Aus derartigen Erwägungen an emotionalen Abgründen rettete sich die hübsche Wienerin, die beim Sprechen oft die Augen schließt und sich so in ihr Inneres versenkt, durch eine beachtliche Zuversicht und Zielstrebigkeit: "Ich hab' mir geschworen, dass ich älter werde, stärker und kräftiger, um mich eines Tages befreien zu können. Ich habe mit meinem späteren Ich einen Pakt geschlossen, dass es kommen würde und das kleine zwölfjährige Mädchen befreien würde", erzählte sie.

Während des 40 Minuten langen Fernsehinterviews, ebenso wie beim Krone- und News-Termin, habe sich die 18-Jährige "immer in Blickkontakt zu uns Betreuern" befunden, erläutert Psychiater Berger. Davor seien mit ihr "Kodewörter" ausgemacht worden: "Wenn sie nach einem Glas Wasser fragte, hieß das, dass wir die eben gestellte Frage abbiegen sollten."

Klare Vorgaben

Alle drei Interviewer seien vor dem Gespräch außerdem instruiert worden, jede Frage, die Kampuschs Gefangenschaft betraf, mit den Worten "Wollen Sie uns beantworten, ob..." zu beginnen. Alle drei Journalisten hätten sich "klar an diese Vorgaben gehalten". Mithilfe dieser Regeln habe man versucht, "Frau Kampusch die für sie völlig neue Situation so unbeschadet wie möglich überstehen zu lassen", sagt ihre Betreuerin, die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits. Den "medialen Strudel" um das Ex-Entführungsopfer bezeichnet sie als "einen absoluten Grenzgang".

Am Mittwoch meldete sich indes auch der pensionierte Richter Martin Wabl bei einer Pressekonferenz mit seiner Lieblingstheorie zu Wort: Die Mutter von Natascha Kampusch habe die Entführung ihrer Tochter "eingefädelt" und sei "Täter, nicht Opfer" in der Causa. Eine Theorie, die er nach einem Gerichtsentscheid öffentlich zu unterlassen hat. Wabls Beweise für die Anschuldigung: nicht existent. Dennoch beharrte er vor Journalisten darauf, dass sich Priklopil und Sirny "Gerüchten" und "Medienberichten" zufolge gekannt hätten.

Klage gegen Wabl

Nun muss der ehemalige Präsidentschaftskandidat wohl erneut mit Klagen rechnen: Sowohl Kampuschs Mutter als auch die Staatsanwaltschaft überlegen rechtliche Schritte wegen Verleumdnung. "Mir fehlen schlicht die Worte", zeigte sich die Mutter über Wabls neuerliche Anschuldigungen fassungslos.

Klarer scheint die finanzielle Zukunft des Teenagers zu sein. Die Gelder für die Interviews in Fernsehen und Printmedien kommen ihr und der von ihr gegründeten "Natascha Kampusch Foundation" zu Gute. "Ihre Lebenszukunft ist gesichert", stellte ihr Betreuer Ernst Berger am "Runden Tisch" des ORF klar.

Anspruch auf das Haus

Dazu wird sie auch Anspruch auf das Haus, in dem sie über acht Jahre gefangen gehalten wurde, stellen. "Sie will das Haus haben, will aber der Mutter von Priklopil nicht das Recht nehmen, es ihr Leben lang zu nutzen", kündigte Kampuschs Rechtsvertreter Gabriel Lansky in der Sendung an. Die Forderung gegen die Verlassenschaft des mutmaßlichen Kidnappers sei angemeldet.

Opferschutzgesetz

Zu Geld machen will Kampusch das Haus aber nicht. Doch bevor sie den Tatort in Besitz nehmen kann, muss der Staat zurückstecken, wies Udo Jesionek, Präsident der Verbrechensopferschutzorganisation "Weißer Ring", auf eine Schwachstelle im Gesetz hin. Zwar komme nach dem seit Anfang des Jahres geltenden Opferschutzgesetz der Staat für psychologische und psychotherapeutische Betreuung der Opfer auf. Allerdings: Das Finanzministerium kann Regress vom Täter oder dessen Erbe fordern.

"Der Finanzminister hat zwar das Recht, darauf zu verzichten, in so einem prominenten Fall wird er das wohl auch machen. Aber wir wollen generell nicht, dass der Schadenersatz zu Lasten der Opfer geht", forderte Jesionek eine Gesetzesänderung. Denn immer wieder erlebe er Fälle, bei denen sich zuerst der Staat sein Geld zurückhole, und schließlich nichts mehr für Schadenersatzansprüche der Opfer übrig bleibe.

Starke Persönlichkeit

Einig sind alle Mitglieder des Expertenteams, das Kampusch betreut, in der Einschätzung der 18-Jährigen als starke, authentische, Persönlichkeit. Wie die nächsten Wochen und Monate aber verlaufen, ist schwieriger zu prognostizieren. Ihre Haltung Priklopil gegenüber sei noch recht ambivalent, schließlich habe er offensichtlich auch für ihre Bildung gesorgt, meinte jedoch der Kinder- und Jugendpsychiater Max Friedrich: Ein praktisch nicht zu überbrückender Zwiespalt, war doch der Lehrer gleichzeitig ein Verbrecher.

Wunsch nach Matura

Kampuschs Wunsch, die Matura zu absolvieren, könnte übrigens schneller als gedacht in Erfüllung gehen. Der Wiener Stadtschulrat habe bereits angeboten, den Wissensstand der 18-Jährigen zu testen und eine individuelle Lösung zu entwickeln. Also Unterricht nur in Fächern, in denen sie Hilfe nötig hat. Vorerst will die junge Frau ausspannen – etwa mit ihrer Schwester nach Berlin. Eine Kreuzfahrt mit den Eltern steht ganz oben auf der Wunschliste. (Irene Brickner, Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 07.09.2006)

Link
ORF On zeigt online Ausschnitte aus dem TV-Interview mit Natascha Kampusch: iptv.orf.at
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