Liikanen: Zinsen auch nach Erhöhung noch immer niedrig

5. Oktober 2006, 14:12
posten

Es sei die Hauptaufgabe der EZB, die Inflationserwartungen auf einem Niveau zu verankern, das im Einklang mit stabilen Preisen steht

Helsinki - Auch nach den jüngsten Zinserhöhungen sind die Leitzinsen in der Euro-Zone nach den Worten von EZB-Ratsmitglied Erkki Liikanen vergleichsweise niedrig. Die Zinsen seien sowohl real als auch nominal im historischen Vergleich immer noch niedrig, sagte der finnische Notenbankchef am Mittwoch in Helsinki. Es sei die Hauptaufgabe der Europäischen Zentralbank (EZB), die Inflationserwartungen auf einem Niveau zu verankern, das im Einklang mit stabilen Preisen steht.

Liikanen zufolge hat das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone spürbar angezogen. Falls Wachstum und Inflationsdruck zunähmen, müsse die EZB ihre geldpolitische Unterstützung zurückfahren.

Die EZB hat seit Ende 2005 die Zinsen in vier Schritten um je 0,25 Prozentpunkte auf 3,0 Prozent erhöht. Mehrere Vertreter der EZB-Spitze hatten zuletzt signalisiert, dass die Zentralbank wegen Inflationsrisiken die Straffung der Geldpolitik fortsetzt. Die Finanzmärkte rechnen für Anfang Oktober mit einer Erhöhung der Leitzinsen um 25 Basispunkte auf 3,25 Prozent.

Höhere EZB-Zinsen bei größeren Risiken möglich

Die EZB könnte Bundesbank-Präsident Axel Weber zufolge bei weiter steigender Inflationsgefahr die Zinsen stärker erhöhen als bisher angedeutet. "Eine deutlich stärkere Eintrübung der Preisperspektiven könnte ein stärkeres Handeln nach sich ziehen", sagte Weber am Dienstagabend beim Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten.

Das bisherige Hauptszenario der EZB, das den aktuellen Prognosen der EZB entspreche, erfordere schrittweise Zinsanhebungen. Die Währungshüter behielten auch die Möglichkeit zusätzlicher Risiken für die Preisstabilität im Blick. "Wenn sich die Risiken materialisieren, legen sie einen geldpolitischen Handlungsbedarf nahe, auch über den, unserem Hauptszenario zu Grunde liegenden hinaus", sagte Weber und ließ die Möglichkeit von Zinserhöhungen 2007 offen. "Es gibt keinen Beschluss, dass wir die Normalisierung der Zinsen zum Jahresende beenden werden."

Weber bekräftigte, der EZB-Rat übe derzeit hohe Wachsamkeit und wolle der Konjunktur die geldpolitische Unterstützung mit höheren Zinsen entziehen, wenn sich alles wie bisher gedacht entwickele. "Ich rede nicht davon, dass wir einen restriktiven Kurs einschlagen." Mit dem Signalwort "große Wachsamkeit" hatte die EZB vergangene Woche die fünfte Zinserhöhung seit Ende 2005 für die nächste Sitzung im Oktober signalisiert.

Signale verstanden

Am Finanzmarkt wird erwartet, dass die EZB den Leitzins von derzeit drei Prozent bis Jahresende zwei Mal um 25 Basispunkte auf 3,5 Prozent erhöhen wird. Die Märkte hätten die Signale der EZB richtig verstanden, sagte Weber. "Die Risiken für die Preisstabilität steigen mit der zunehmenden Erholung."

Weber verdeutlichte, dass ein Anstieg des Leitzinses um weitere 50 Basispunkte wahrscheinlich nicht ausreicht, um die EZB-Geldpolitik in einen für Wachstum und Preisanstieg neutralen Status zu bringen. Mit einem Realzins von gerade einem halben Prozent sei die Geldpolitik noch immer sehr expansiv. Auch bei einem Zins von einem Prozent nach Abzug der Inflationsrate wäre die Zentralbank noch von einem neutralen Niveau entfernt.

Volkswirte werteten Webers Äußerungen als Wink, dass die Zinsen 2007 weiter steigen könnten. Allerdings sei Weber einer der strengsten Verfechter der Preisstabilität im EZB-Rat, deshalb sei noch nicht von einer Mehrheit für höhere Zinsen auszugehen. "Zurzeit regieren die Falken im EZB-Rat. In einigen Monaten könnten die Tauben wieder die Macht übernehmen", sagte Holger Schmieding, Europa-Volkswirt von der Bank of America. Die EZB werde Anfang 2007 abwarten, wie stark die Konjunktur unter der Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland und dem schwächeren Wachstum in den USA leide.

Positives Bild

Für die Konjunktur in Deutschland und im Euro-Raum beschrieb Weber ein positives Bild, warnte aber auch vor übertriebenem Optimismus. In Deutschland werde das Wachstum 2007 wegen der Mehrwertsteuererhöhung schwächer ausfallen, aber keineswegs einbrechen. Die Bundesbank erwarte nach rund zwei Prozent in diesem Jahr bis zu anderthalb Prozent Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts im kommenden Jahr. Die Wirtschaft der Euro-Zone wird Weber zufolge nicht nur 2007, sondern auch 2008 noch etwa in Höhe der Potenzialrate von zwei Prozent wachsen. Doch so wie der EZB-Rat sich Ende vergangenen Jahres nicht von der übergroßen Skepsis habe anstecken lassen, sei er nun nicht zu optimistisch. "Wir sehen das weltweite Umfeld nicht optimistisch, sondern verhalten", sagte er. Die Unsicherheit über den längerfristigen Ausblick sei gestiegen wegen der Abkühlung des US-Wachstums.

Weber betonte zugleich die Gefahren steigender Inflation im Euro-Raum. Selbst ohne den preistreibenden Effekt der Mehrwertsteuererhöhung von 0,3 Prozentpunkten sei die Teuerungsrate 2007 noch über zwei Prozent. Als Zentralbank, die Preisstabilität mit Raten unter zwei Prozent erreichen will, habe die EZB damit noch kein Wasser unter dem Kiel. Die Kerninflationsrate, bei der schwankungsanfällige Ölpreise herausgerechnet werden, wird Weber zufolge steigen. Auch ist nach seiner Einschätzung die Gefahr gewachsen, dass eine Lohn-Preis-Spirale in Gang kommt. (APA)

Share if you care.