Kampusch' Flucht in den Medien

9. Oktober 2006, 16:41
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Enormes weltweites Interesse

"Eine überraschende Entwicklung gibt es im mehr als acht Jahre alten Fall der verschwundenen Natascha Kampusch: Eine junge Frau behauptet, sie sei das seit 2. März 1998 aus Wien vermisste Mädchen." So lautete der Einstieg in eine Eilt-Meldung der APA - Austria Presse Agentur am 23. August. Auf die Flucht der jungen Frau vor ihrem Entführer folgte ein enormes internationales Medieninteresse. Heute, Mittwoch, werden die ersten Interviews mit Natascha Kampusch publik.

23. August: Das Haus in Strasshof a.d. Donau (Bezirk Gänserndorf), in dem Natascha Kampusch acht Jahre lang von Wolfgang Priklopil gefangen gehalten wurde, wird von Medien belagert. Erste Details geben Ermittler am Tatort bekannt: Die Frau durfte in ihrem Verlies "Radio hören, fernsehen nur eingeschränkt". In Wien findet am Abend eine gut besuchte Pressekonferenz statt, in der erste Angaben über den Entführer gemacht werden, nach dem eine Großfahndung läuft. Natascha Kampusch war bei der Gegenüberstellung mit ihrem Vater "in Tränen aufgelöst", berichtet Herwig Haidinger, Leiter des Bundeskriminalamts. Kurz vor Mitternacht wird bekannt, dass der Entführer Selbstmord begangen hat.

24. August: Bei einer Pressekonferenz der Ermittler in der Früh herrscht enormer Medienandrang, auch international wird berichtet. Die Familie von Natascha Kampusch ersucht in einem Brief an die Presse, die Angehörigen "(...) betreffs Interviews und Fragen nicht zu belästigen". Noch am selben Tag tritt der Vater vor Fernsehkameras und verkündet: "Natascha ist sehr mitgenommen". Auch die Mutter nimmt Stellung: "Sie hat eine starke Persönlichkeit", sagte sie nach dem ersten Zusammentreffen. In der TV-Sendung gibt eine Polizistin, die das Entführungsopfer nach ihrer Flucht nach Wien begleitet hat, persönliche Details bekannt.

25. August: Das Haus in Strasshof wird weiter von Journalisten umlagert. Auch Kamerateams deutscher Medien harren vor dem Tatort aus. Zu Mittag wird das DNA-Ergebnis bekannt: Bei der Frau handelt es sich zu 100 Prozent um Natascha Kampusch. Der Kinderpsychiater Max Friedrich übernimmt mit einem Team die Betreuung des Entführungsopfers. Die Polizei veröffentlicht Bilder und ein Video vom Verlies. Medien beginnen über Details der Beziehung von Natascha Kampusch zu Priklopil zu berichten, die nicht aus offiziellen Quellen stammen.

26. August: Max Friedrich warnt vor einer "zweiten Viktimisierung" von Natascha Kampusch und kritisiert die exzessive Berichterstattung. Die in die Betreuung eingebundene Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits sagt, dass Natascha "mit großem Interesse" die Berichterstattung über ihren Fall verfolgt. Berichte über hohe Geldsummen, die für Interviews mit der jungen Frau geboten werden, machen die Runde.

28. August: Natascha Kampusch gibt eine erste eigene Stellungnahme ab, die Friedrich bei einem Pressegespräch vorliest: "Lasst mir Zeit, bis ich selbst berichten kann." Die 18-Jährige spricht auch von ihrem Alltag mit Priklopil: "Dieser fand geregelt statt, meist ein gemeinsames Frühstück - er hat ja meist nicht gearbeitet -, Hausarbeit, lesen, fernsehen, reden, kochen. Das war es, jahrelang. Alles mit Angst vor der Einsamkeit verbunden."

29. August: 84,3 Prozent der Österreicher verfolgen die Berichtererstattung zum Fall Kampusch aufmerksam, geht aus einer Umfrage von Oekonsult hervor. 70 Interviewanfragen an Natascha gibt es laut PR-Berater Dietmar Ecker, Medienmanager des Entführungsopfers. Diese Zahl steigt in den folgenden Tagen auf rund 400.

30. August: Großen Andrang gibt es bei einer Pressekonferenz des Freundes von Wolfgang Priklopil, der eine Stellungnahme verliest ("Ich habe die ganze Zeit nichts davon bemerkt"). Die Mutter des Entführers schreibt an die Medien, dass sie zu keiner Stellungnahme bereit ist.

31. August: An der Berichterstattung einer Wochenzeitschrift wird Kritik laut. Friedrich spricht sogar von einer "möglichen Re-Traumatisierung durch die öffentliche Bloßstellung des Opfers".

4. September: PR-Profi Ecker kündigt die ersten Interviews mit Natascha Kampusch an. Das Rennen machen der ORF, die "Kronen Zeitung" und "News". Kampusch habe sich für diese Blätter entschieden, "weil deren Verantwortliche auch soziale Kompetenz gezeigt und sich bereit erklärt haben, Frau Natascha Kampusch einen Start in eine menschenwürdige Zukunft zu ermöglichen".

6. September: In der Abendausgabe der "Kronen Zeitung" und im zeitgleich erscheinenden "News" werden die Interviews abgedruckt. Der ORF zeigt sein Gespräch mit Natascha Kampusch um 20.15 Uhr in einer Sondersendung. (APA)

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