Bei Ausflügen mit Blicken um Hilfe gefleht

5. Oktober 2006, 12:26
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ORF-Interviewer Feurstein: Sie schien stabil und selbstbewusst - "Angenehmes Gespräch"

Wien - Die acht Jahre gefangen gehaltene Natascha Kampusch hat einem Journalisten zufolge immer wieder versucht, bei Ausflügen mit ihrem Entführer durch Augenkontakt um Hilfe zu rufen. Es habe jedoch niemand auf ihre Blicke reagiert, sagte Christoph Feurstein, der das erste Interview der heute 18-Jährigen für den ORF führte. "Und das ist so ein Bild des Albtraums, das hat mich sehr beeindruckt", sagte er am Dienstagabend in der Sendung ZiB2. "Es hat Momente gegeben in dem Interview, wo ich wirklich die Gänsehaut bekomme habe." Die Aufzeichnung wurde Mittwoch um 20.15 Uhr im ORF und in Deutschland eine Stunde später ausgestrahlt.

Stabil und selbstbewusst

Kampusch sei hübsch - mit dem allseits bekannten Computerbild habe sie allerdings nur "entfernte Ähnlichkeit", so Feurstein. "Rhetorisch war sie einwandfrei. Da könnte sich so mancher Journalist was abschauen", zeigte sich der 34-Jährige am Dienstagabend im Gespräch mit der APA begeistert von der berühmten 18-Jährigen. Kampuschs Gesicht werde im TV-Interview nicht technisch verfremdet oder verdeckt, hatte Feurstein zuvor in der "ZiB 2" angekündigt: "Man wird sie sehen".

Natürlich könne niemand in sie hineinsehen, aber "auf mich hat sie einen stabilen und selbstbewussten Eindruck gemacht", meinte der ORF-Reporter. Das Gespräch zwischen dem berühmten Entführungsopfer und dem Vorarlberger dauerte insgesamt zwei Stunden, wobei man immer wieder Pausen eingelegt und Luft geschnappt hätte. Die Ausstrahlung des Interviews am Mittwochabend wird voraussichtlich auch mehr Sendezeit als die geplanten 20 Minuten in Anspruch nehmen.

"Ein angenehmes Gespräch"

"Natascha Kampusch hat vor dem Interview Papiertaschentücher verlangt, sollte sie während des Gesprächs in Tränen ausbrechen. Tatsächlich hat sie die Taschentücher allerdings nur gebraucht, weil sie verkühlt war. Geweint hat sie nicht", sagte Feurstein. Die 18-Jährige habe selbstständig und "aus dem Bauch heraus" erzählt. "Sie hat entschieden, worüber sie sprechen wollte. Es war nicht wie in einem Verhör sondern ein angenehmes Gespräch", berichtet Feurstein.

Am bewegendsten für den Moderator, der aus seiner bisherigen Berufserfahrung im ORF den Umgang mit schicksalsgebeutelten Menschen gewohnt ist, waren die Berichte über den Tag der Entführung, die erste Begegnung der zehnjährigen Kampusch mit ihrem "Verlies" und die Stille, die sie dort umfangen hat. Manchmal hätte er eine Gänsehaut bekommen, gestand Feurstein.

Er selbst käme sich vor, "wie in einem Film". Dass er nun ebenfalls im Mittelpunkt des Medieninteresses steht und Interviewanfragen aus aller Welt bekäme, habe er noch nicht realisiert. Für ihn galt es, Natascha Kampusch, jene junge Frau, mit deren Schicksal er sich seit mehr als acht Jahren auseinander setzt, zu begegnen. "Hätte ich davor gedacht, dass dieses Interview um die Welt geht, wäre ich wahrscheinlich wahnsinnig geworden. Für mich galt es, das Interview zu machen - und nach mir die Sintflut."

Interview mit Kopftuch

Freilich wäre es scheinheilig, zu behaupten, man denke nicht auch ein wenig an die Quote, räumt Feurstein ein. Allerdings glaubt er auch, dass das im Sinn von Natascha Kampusch ist. "Sie will, dass möglichst viele Menschen von ihrem Schicksal erfahren und dass möglichst viele Menschen zusehen werden." Bei der Ausstrahlung trägt Kampusch ein Kopftuch, das ihre Haare bedeckt, aber mehr nach einem Accessoire aussieht, als nach einer Verkleidung, berichten die Augenzeugen.

Der 34-jährige Journalist wünscht Frau Kampusch in jedem Fall, "dass der Medienhype nach diesen Interviews ein Ende haben wird". Für die 18-Jährige sei es wichtig, zu verstehen, dass dieser Rummel nicht "das Leben" ist. Das ORF-Interview biete eine sehr gute Möglichkeit, "Ruhe in die Sache zu bringen". (APA/Reuters)

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