Bertelsmann verkauft Musikverlag und legt Napster-Streit bei

5. Oktober 2006, 16:08
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Vivendi kauft für 1,63 Milliarden Euro die Bertelsmann-Musikverlage und wird Weltmarktführer

Gütersloh - Mit dem Verkauf des Musikverlages BMG Music Publishing an Vivendi und einer Einigung im Streit um die Tauschbörse Napster hat Europas größter Medienkonzern Bertelsmann am Mittwoch entscheidende Weichen gestellt. Vivendi kauft für 1,63 Mrd. Euro über seine hundertprozentige Musiktochter Universal Music Group die Bertelsmann-Musikverlage und wird Weltmarktführer in diesem Bereich vor der britischen EMI-Gruppe. Universal ist bereits Nummer eins im Tonträgergeschäft. Bertelsmann überweist zugleich an Universal 60 Mio. Dollar (rund 47 Mio. Euro) und beendet damit den Streit der beiden Konzerne um eine Bertelsmann-Finanzspritze für die einst illegale Musik-Internettauschbörse Napster.

Bertelsmann hatte Napster in den Jahren 2000 und 2001 mit 80 Mio. Dollar unterstützt. Wettbewerber klagten, weil sie darin eine Unterstützung der illegalen Download-Aktivitäten sahen, die der Branche in den vergangenen Jahren weltweit erhebliche Umsatz- und Ergebniseinbrüche beschert hatten. Bertelsmann hatte stets argumentiert, Napster sollte mit dem Geld der Weg in die Legalität geebnet werden. Die Zahlung an Universal stelle keine Anerkennung einer Schuld dar, betonte Finanzvorstand Thomas Rabe. Gleichwohl sei Bertelsmann bereit, auch mit den verbliebenen Klägern, darunter das britische Musikunternehmen EMI, über einen Vergleich zu verhandeln.

Höchstes Gebot

"Vivendi hat das mit Abstand höchste Gebot abgegeben", sagte Rabe am Mittwoch zu dem Musikverlags-Verkauf, der noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Kartellbehörden in Europa und den USA steht. Bertelsmann gehe davon aus, dass der Kaufpreis noch in diesem Jahr fließen werde. Vivendi nannte die Transaktionen einen "historischen Ankauf". Die verkauften Musikverlage verwalten die Rechte für Songs von Künstlern wie Elvis Presley, Robbie Williams oder Coldplay.

Mit dem Erlös will Bertelsmann einen Teil seiner Schulden von derzeit 8,7 Mrd. Euro tilgen. Der Schuldenberg resultiert zu mehr als der Hälfte aus dem 4,5 Mrd. Euro teuren Rückkauf des Aktienpaketes des belgischen Minderheitsaktionärs Groupe Bruxelles Lambert (GBL). Die Familie des Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn und der Konzernvorstand hatten sich für den Rückkauf entschieden, um einen drohenden Börsengang zu verhindern. Zu den Bietern für die Musikverlage hatten unter anderem auch die EMI-Gruppe und Viacom gehört.

Schulden drücken

Bis Ende 2007 sollen die Schulden auf deutlich unter sechs Mrd. Euro zurückgeführt und die selbst gesteckten Finanzierungsziele wieder erreicht sein, sagte Bertelsmann- Konzernchef Gunter Thielen. Nach einer selbst auferlegten Phase der Investitionszurückhaltung im laufenden und im nächsten Jahr solle von 2008 an wieder eine Summe von jährlich rund einer Milliarde Euro für Neuinvestitionen zur Verfügung stehen. "Das brauchen wir, um unser Wachstumsziel von fünf bis acht Prozent im Jahr zu verwirklichen", sagte Thielen.

Der Vorstandschef, der im nächsten Jahr sein Amt niederlegen will, hofft für 2007 auf eine Umsatzrendite von zehn Prozent. Sie werde in diesem Jahr zwischen neun und zehn Prozent liegen, kündigte er an. Alle sechs Unternehmensbereiche würden im Gesamtjahr mit gestiegenen Ergebnissen dazu beitragen. Auch der Tonträgerbereich Sony BMG, der im ersten Halbjahr Millionenverluste eingefahren hat, werde im Gesamtjahr deutlich in der Gewinnzone liegen, sagte Thielen. "Wir werden in den nächsten vier Monaten die Charts dominieren", betonte er. Der Start vieler Alben habe sich bis in die zweite Jahreshälfte verzögert. Thielen und Rabe gaben ein deutliches Bekenntnis für den Erhalt des Musikgeschäfts bei Bertelsmann ab.

Wachstum angepeilt

Bertelsmann setzte im ersten Halbjahr 2006 mit weltweit 92.000 Mitarbeitern insgesamt 9,1 Mrd. Euro (plus 14,5 Prozent) um und erzielte operativ ein Rekordergebnis von 701 Mio. Euro vor Zinsen, Steuern und Sondereinflüssen (plus 8,9 Prozent). Der Konzerngewinn erhöhte sich dagegen nur leicht von 330 auf 339 Mio. Euro. Rabe führte dies auf einen einmaligen Steuereffekt im vergangenen Jahr zurück. Im Gesamtjahr wird ein Wachstum von zehn Prozent bei Umsatz und Gewinn angepeilt. Künftig will Bertelsmann seinen Umsatz mit Internet-Geschäften von derzeit einer Milliarde Euro jährlich deutlich steigern. (APA)

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