Kopf des Tages: Christoph Feurstein, kein Mann für "leichte Kost"

9. Oktober 2006, 16:41
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Kampusch war beim ORF von Beginn an eine "Causa Feurstein" - aber daran, diese Akte so zu schließen, hätte er "nie im Leben" gedacht

Im Telefonbuch zu stehen ist nie ein Vorteil. Schon gar nicht, wenn man Natascha Kampusch interviewen soll: Warum er da Dienstagvormittag trotzdem ans Telefon ging, konnte Christoph Feurstein nicht sagen. Ein Reflex. Aber eigentlich, so der gebürtige Montafoner, habe er echt keine Zeit. Und er hoffe, dass man ihm glaube, dass er sonst nicht so sei. Echt nicht. Aber im Augenblick - und da schwingt fast Panik in der Stimme des 34-Jährigen - wolle er sich nur auf jenes Interview vorbereiten, dessentwegen sein Telefon läutet. Und läutet. Und läutet: "Lauter Irre. Aus der ganzen Welt. Viele Journalisten, die mir Fragen auftragen wollen - und Leute, die mich als Agenten für Film und Buchrechte einspannen wollen."

Und wenn er jetzt nicht bald dazu käme, sich endlich auf das Kampusch-Interview vorzubereiten, könne er es bleiben lassen: "Das Interview macht mich nicht nervös - aber das Drumherum. Das ist die Hölle". Er müsse jetzt auflegen. Aber er entschuldige sich, wenn das unhöflich wirke, weil ... Und so weiter.

Passt nicht in Anforderungsprofil des oberflächlichen Klischeehübschlings

In Wirklichkeit ist Christoph Feurstein tatsächlich nicht "so". Nicht so, wie das TV-Publikum ihn kennt: Denn der im fünften Wiener Gemeindebezirk (verfluchtes Telefonbuch!) lebende Blondschopf hat mehr drauf, als man ihm aufgrund jener Rolle zutrauen würde, mit der ihn das Fernsehpublikum immer noch verbindet: Von 2002 bis 2004 moderierte Feurstein das grandios schlechte (und dennoch eingestellte) ORF-Life-style-Magazin "25". Und passte nie ganz ins Anforderungsprofil des oberflächlichen Klischeehübschlings. Das spürte man, obwohl der ORF da mit allen Mitteln versuchte, einen seiner raren jungen, profund arbeitenden und tatsächlich noch recherchierenden TV-Journalisten, zu verheizen.

Denn schon seit 1994 macht der einstige Germanistik- und Theaterwissenschaftsstudent Fernsehen. Zunächst beim Jugendmagazin "X-Large", ab 1997 bei "Thema" - und Feurstein war nie ein Mann der "leichten Kost": Für seine Reportage "Jugendkult Satanismus" erhielt er 1998 den "Österreichischen Staatspreis für journalistische Leistungen im Interesse der Jugend". Seine Dokumentation von sexuellem Missbrauch an einem geistig Behinderten durch einen Geistlichen im "Haus der Barmherzigkeit", veränderte die katholische Institution nachhaltig. Und die Reportage über den Naziarzt Heinrich Gross wurde 2000 mit dem "Österreichischen Volksbildungspreis" ausgezeichnet.

Der Fall Kampusch war beim ORF von Beginn an eine "Causa Feurstein" - aber daran, diese Akte so zu schließen, hätte Feuerstein "nie im Leben" gedacht. Wenn er sie denn schließen kann: Er. Müsse. Jetzt. Wirklich. Auflegen. Und bitte um Verständnis. Denn normalerweise sei das nicht seine Art. Echt nicht. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD; Printausgabe, 6.9.2006)

  • Christoph Feurstein
    foto: orf/hans leitner

    Christoph Feurstein

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