"Keine eigene Sonntagsfrage"

17. Oktober 2006, 19:17
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Seine Skepsis gegenüber Umfragen sei gestiegen, erklärt STANDARD-Chefredakteur Sperl im Interview - Dass Politiker ihre Politik zu sehr nach Umfragen ausrichten, wolle er nicht auch noch verstärken

Wäre er Parteivorsitzender, würde er durchaus Umfragen in Auftrag geben, als STANDARD-Chefredakteur aber tut Gerfried Sperl dies nicht. Im Interview mit derStandard.at erklärt er, warum seine Skepsis gegenüber Umfragen gestiegen ist, warum DER STANDARD keine eigene Sonntagsfrage mehr machen lässt und wie die Zeitung stattdessen mit Umfragen umgehen will. Das Gespräch führte Sonja Fercher.

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derStandard.at: Sie haben im derStandard.at-Chat nach den Deutschland-Wahlen erklärt, DER STANDARD würde zur Steiermark und Wien keine Umfragen in Auftrag geben. Wie waren Ihre Erfahrungen damit?

Gerfried Sperl: Meine Skepsis gegenüber den Umfragen ist gestiegen, weil der Zusammenbruch der Festnetze bewirkt, dass die Unsicherheitsquote größer wird. Wenn man nun in einem so kleinen Kontext wie einer Steiermark-Wahl eine Umfrage macht, bringt das nicht wirklich was.

Wir haben uns auch entschieden, dass wir auch bei der österreichischen Auseinandersetzung schlicht und einfach jede Woche am Samstag die vorhandenen publizierten Umfragen veröffentlichen und auf einen zusätzlichen Geldeinsatz verzichten.

derStandard.at: Ist es nicht umgekehrt besser, eine eigene Umfrage bei einem Institut in Auftrag gegeben zu haben, dem man vertraut?

Sperl: Es gibt britische Zeitungen, die das schon seit Jahren machen. Die Großinformation in Bezug auf Umfragen kriegen die Leser in der Wochenendausgabe und das ist, glaube ich, ein ausreichendes Service. Eine eigene Sonntagsfrage brauchen wir nicht, denn wenn ein Institut die ÖVP bei 39 Prozent sieht und ein anderes bei 37, dann ist das innerhalb der Schwankungsbreite.

Ich gebe zu, Meinungsforschungsinstitute haben eine Menge an Routine und an Indizien einer korrekten Zuordnung. Ich möchte auch nicht in Abrede stellen, dass es auch in der Vergangenheit Institute gegeben hat, die richtig lagen. Für die Zeitungen ist es halt immer witziger, jene pars pro toto zu kritisieren, die nicht richtig gelegen sind.

Aber das sind alles keine ausschlaggebenden Argumente, um wieder bei den Umfragen einzusteigen.

derStandard.at: Kann es sich eine Zeitung leisten, Umfragen einfach links liegen zu lassen?

Sperl: Es ist ein Teil meiner Kritik an der politischen Klasse, dass sie sich fast nur noch nach Umfragen richtet. Ich möchte das nicht auch noch forcieren, das ist alles.

Gleichzeitig glaube ich, dass die Umfrage, oder wenn man so will eine Umfragestudie ein interessantes Instrument ist, um die Marktposition eines Produktes zu eruieren. Daher ist es natürlich auch für die Parteien ein wichtiges Instrument, um Veränderungen festzustellen. Wenn ich Parteichef oder -sekretär wäre, würde ich wahrscheinlich durchaus komplexe Umfragen veranstalten, um zu wissen, wie man liegt - nicht wie es ausgeht, sondern wie man tendentiell liegt. Aber im Falle der Zeitung ist das was anderes.

derStandard.at: Meinungsforscher spielen den Ball an die Medien zurück und kritisieren, dass Journalisten Umfragen nicht sorgfältig genug interpretierten. Was sagen Sie dazu?

Sperl: Ich kann mich nicht in die anderen Medien hineindenken. Wir haben immer die Interpretation der Umfrage immer zusammen mit dem Institut gemacht und nie etwas probiert, das zu einem Konflikt mit dem Meinungsforschungsinstitut hätte führen können. derStandard.at: Sind Sie der Meinung, dass Umfragen demokratiegefährdend sind?

Sperl: Nein. Umfragen können manipulierend wirken, aber demokratiegefährdend sind sie sicher nicht.

derStandard.at: Demokratiefördernd?

Sperl: Auch das nicht.

derStandard.at: Warum nimmt man dann nicht überhaupt Abstand davon?

Sperl: Weil die Leute neugierig sind.

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    foto: standard/fischer
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