Kopf des Tages: Außenminister Alexandr Vondra

6. Oktober 2006, 21:24
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Exdissident als umstrittener Proamerikaner

Mit Alexandr Vondra kehrt nach vier Jahren wieder ein früherer Bürgerrechtler an die Spitze des tschechischen Außenministeriums im Prager Czernin-Palast zurück. Obwohl der 45-jährige parteilose Vondra, der vielen seiner Landsleute nur unter seinem Spitznamen "Sascha" geläufig ist, sechs Jahre lang Stellvertreter von gleich drei Außenministern war, verkörpert er alles andere als einen Karrierediplomaten. Er galt schon immer auch als außenpolitischer Vordenker. Diese Rolle kam erstmals in den frühen 1990er-Jahren zum Vorschein, als er zu den wichtigsten Beratern des damaligen Präsidenten Vacláv Havel gehörte.

Mit dem früheren Bürgerrechtler und späteren Staatschef verbindet Vondra auch die Tätigkeit in der Demokratiebewegung vor 1989. Für den Gang in die Opposition entschied er sich schon kurz nach dem Geografiestudium in Prag. Vondra unterzeichnete den Aufruf Charta 77 und wurde im Jahr 1989 einer ihrer letzten Sprecher. Daneben zog es ihn auch immer in die Nähe der tschechischen Underground-Szene. Unter anderem war er Manager der Prager Gruppe "Narodni tøida" (Nationalstraße), deren Mitglieder junge regimekritische Autoren, Maler und Musiker waren. In diesem Umfeld entstand auch die Samisdat-Zeitschrift Revolver Revue, deren Mitherausgeber Vondra war.

Alexandr Vondra, der im Februar 1989 von der kommunistischen Justiz zu zwei Monaten Haft verurteilt wurde, unterhielt auch Kontakte zu Bürgerrechtsgruppen in Polen, Ungarn und Litauen. Als Mitglied der polnisch-tschechoslowakischen SolidarnoSæ nahm er an den legendären Treffen der Opposition beider Länder an der tschechisch-polnischen Grenze teil.

Später profilierte sich Vondra als Experte für Sicherheitsfragen wie auch als Befürworter eines starken Bündnisses mit den USA. So war es wenig überraschend, als er 1997 als tschechischer Botschafter nach Washington ging und nach seiner Rückkehr als Regierungsbeauftragter den Prager Nato-Gipfel im Herbst 2002 organisierte.

Einige Monate später spielte Vondra eine nicht unwesentliche Rolle beim so genannten "Brief der Acht", als acht europäische Staats- und Regierungschefs ihre Solidarität mit den USA kurz vor der Irak-Invasion bekundeten. Es war der damalige Vizeaußenminister Vondra, der Präsident Havel empfohlen hatte, seine Unterschrift unter den Aufruf zu setzen. Havel tat dies nur wenige Stunden vor seinem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt . Der sozialdemokratische Premier Premier Vladimír `pidla hatte die Unterschrift verweigert. Die folgende Kritik war wohl auch einer der Gründe, warum Vondra bald darauf zurücktrat.

Der neue tschechische Außenminister ist mit einer Grundschullehrerin verheiratet und Vater dreier Kinder. ( Robert Schuster/DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2005)

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    Tschechiens neuer Außenminister Alexandr Vondra: Mitstreiter Vacláv Havels.

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