Weg zur klinischen Forschung

8. März 2007, 11:55
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Medizinstudium befähigt nicht zur vertiefenden klinischen Forschung - Know-how auf internationalem Niveau durch neues Studium

Dem alten Griechen Hippokrates (ca. 460 bis 375 vor Christus) - Namensgeber des Eids zum Wohl der Patienten, dem sich die Medizin noch heute verpflichtet - hätte es vermutlich gefallen: Als Zeitgenosse des Philosophen Platon dürfte er dem medizinischen "Doctor of Philosophy" (PhD) wohlgesonnen gewesen sein. Die Medizinuniversität Wien (MUW) führt das postgraduale Studium seit einem Jahr, zugelassen werden Mediziner nach Abschluss des Grundstudiums. Die Facharztausbildung, die in der Regel daran anschließt, befähige dazu, "im täglichen Leben Menschen zu behandeln", erklärt Stefan Böhm vom Zentrum für Biomolekulare Medizin und Pharmakologie der MUW. "Mit Wissenschaft per se hat dies aber nichts zu tun."

Wille zur Forschung

Der wissenschaftliche Aspekt setze vielmehr etwa bei der Frage an, "ob bestimmte Therapien wirksam sind oder auf welche Art ein Medikament wirkt". Und da genau dieses Know-how "an einer Universitätsklinik gezwungenermaßen einen hohen Stellenwert hat, gibt es den PhD".

Ursprünglich wurde der Wille zur klinischen Forschung über das (weiterhin existierende) "Doktoratstudium der Medizinischen Wissenschaft" belegt, das mit dem Titel "Doctor scientiae medicae" (Dr. scient. med.) schließt. Aber auch ein naturwissenschaftliches Studium (Abschluss: Dr. rer. nat.) führte in die Forschung und war international mit dem PhD gleichgestellt.

Den Umbruch brachten die Bestrebungen auf EU-Ebene, Bildungsabschlüsse zu vereinheitlichen - auch bekannt als "Bologna-Prozess": Der medizinische PhD ist nun nicht unter vier Jahren zu haben und dauert doppelt so lange wie der Dr. scient. med.

Genau aus diesem Grund sei es "vermutlich nicht sinnvoll", sich das Ganze anzutun, "wenn jemand Facharzt für Gynäkologie oder Augenheilkunde werden will", so Böhm. Auch wer "eine allgemeine medizinische Praxis am Land anvisiert, ist sicherlich falsch am Platz". Rein das Interesse an der klinischen Forschungstätigkeit - ob aufgrund des medizinischen oder eines naturwissenschaftlichen Vorstudiums - sollte ausschlaggebend für die Inskription sein. Dann aber "eventuell sogar noch vor der Facharztausbildung".

Die Aufnahme in das PhD-Programm ist indes auch gar nicht ohne Weiteres möglich. "Diese Leute sind während des Studiums fix angestellt", holt Böhm aus, was "eine klinische Tätigkeit von mindestens 40 Stunden pro Woche" inkludiere. Also "ein Fulltime-Job", in dem das über die medizinische Literatur Gelernte "mit eigener Forschung voranzutreiben ist".

Erster Schritt sei die Suche nach einem verfügbaren Betreuer für die Dissertation, des Weiteren müsse die Finanzierung des Studien- und Arbeitsplatzes geklärt werden. Dazu ist die Einreichung eines Forschungsantrags notwendig, der auf internationaler Ebene begutachtet wird. "Das positive Urteil stellt ein erstes und bedeutendes Merkmal der Qualitätssicherung dar", sagt Böhm und stellt die damit verbundene Finanzierung durch einen entsprechenden Wissenschaftsfonds fest.

Dass es für künftige PhDs eine Jobgarantie gebe, wagt Böhm "zu bezweifeln". Als "wesentliche Voraussetzung für eine Karriere" an der MUW sollte sich die Ausbildung aber durchaus etablieren.(Bernhard Madlener/DER STANDARD-Printausgabe 02./03.09.2006)

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    Wer in Wien als Mediziner wissenschaftlich forschen will, braucht dazu in Zukunft den Titel PhD.

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