Wahlbörsen: "Oftmals näher am tatsächlichen Wahlergebnis als Umfragen"

17. Oktober 2006, 19:17
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Überraschend gut prognostizieren Wahlbörsen den Wahlausgang - Deutsches Institut mit neuer Methode auch erstaunlich erfolgreich

"Bei fast allen Wahlen lagen wir erstaunlich nahe am tatsächlichen Wahlergebnis, oftmals sogar näher als die Umfragen", erklärt Adolf Stepan stolz. Vor über zehn Jahren hat der Professor der TU-Wien Wahlbörsen in Österreich eingeführt, eine alternative Methode zur Meinungsforschung, um den Ausgang von Wahlen zu prognostizieren.

Die Wahlbörse funktioniert wie das Vorbild an der Wall Street, nur kaufen die Teilnehmer nicht Aktien von Unternehmen, sondern von Parteien und handeln damit. Börseschluss ist der Tag der Wahl. Erstaunlich dabei ist, dass sie zum Teil sogar genauere Ergebnisse liefert als Umfragen der Meinungsforscher.

Spekulationen über Wahlergebnis

Unter idealen Rahmenbedingungen - so die Hypothese, auf der alle Börsen basieren - sollte durch den Handel an der Börse ein idealer Preis heraus kommen, also eine dem Wahlergebnis möglichst nahe Prognose. Der wesentliche Unterschied zu Umfragen liege nun darin, dass die Teilnehmer nicht gefragt werden, wie sie wählen würden, sondern sie spekulieren darüber, wie die Österreicher bei den Wahlen stimmen werden, betont der Wissenschafter.

Schlechter seien Umfragen aber deshalb nicht, meint Stepan. "Wir waren nur ein bisschen besser, und vor allem billiger", so der Wissenschafter. Dass Wahlbörsen so gut funktionieren, führt Stepan darauf zurück, dass man einen sehr treffsicheren Markt habe: "Es gibt nur 'self selected participants', also freiwillige Teilnehmer, die davon überzeugt sind, über gute Informationen über das politische Spektrum zu verfügen." Und zwar gehe es hier nicht um Insider-Informationen aus den Parteizentralen, sondern um Informationen über das politische Geschehen, das genau beobachtet werde, so Stepan.

Den Einwand, dass die Wahlbörse lediglich eine Reaktion auf Umfragen sei, will der Wissenschafter nicht gelten lassen: "Umfragen sind nur ein Teil des Informationsspektrums, vor dem die Teilnehmer sicher nicht die Augen verschlißen werden", gesteht er ein. Aber es sei eben nur eine Informationsquelle, aus der die Wahl-Spekulanten ihre Einschätzungen beziehen.

Manipulation

Vorsicht sei dennoch geboten, denn natürlich könne die Börse auch manipuliert werden. "Wenn ich Parteivorsitzender oder Wahlkampfleiter bin, dann statte ich Leute meines Vertrauens mit Geld aus - und das sind ja Peanuts, die man da zahlen muss - und die kaufen dann den Kurs meiner Partei hoch", erklärt Stepan. Dies könne allerdings dadurch beendet werden, dass die manipulierenden Teilnehmern ausgeschlossen werden. "Es gab aber nur eine Partei, die das einmal probiert hat", berichtet Stepan und fügt schmunzelnd hinzu: "Geholfen hat es ihr aber nicht."

"Abnutzung der Regierung"

Nicht nur Wahlbörsen, auch andere Verfahren kommen ohne Direktbefragung der WählerInnen nach der Parteipräferenz aus und ermöglichen trotzdem eine äußerst genaue Schätzung. Mit dem Modell von Thomas Gschwend vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) und Helmut Norpoth wird allerdings nur der Stimmanteil der amtierenden Koalition, dem Amtsinhaber und dem direkten Herausforderer zuverlässig vorhergesagt. Anhand von verschiedenen veröffentlichten Daten wie der Kanzlerpopularität oder der "Abnutzung der Regierung".

Bei den Bundestagswahlen in Deutschland konnte das Duo den Wahlsieg auf den Prozentpunkt genau vorhersagen, 2005 lag es nur um 0,3 Prozent daneben. Das Verfahren haben sich die beiden in den USA abgeschaut: "Da ging es ja meist auch um zwei konkurriernde Parteien." In Österreich wäre die Situation ohnehin schwieriger einzuschätzen, da die möglichen Koalition ja - anders als in Deutschland - nie vor der Wahl feststehen. (sof/mhe)

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    Zwar geht es nicht um so viel Geld wie an der echten Börse, dennoch funktionieren Wahlbörsen genauso wie ihr reales Vorbild.

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