"Sommergespräche": Westenthaler ein "deutlicher Ausreißer"

2. Oktober 2006, 13:07
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Sprachwissenschafter de Cillia: Schüssel staatsmännisch, Strache kooperativ - Van der Bellen setzt auf Authentizität - Gusenbauer wirkte souverän

Vier sehr kooperative Gespräche und ein "deutlicher Ausreißer": So lautet die Bilanz des Wiener Sprachwissenschafters Rudolf de Cillia zu den ORF-"Sommergesprächen". Herausgestochen ist für ihn das Interview mit BZÖ-Chef Peter Westenthaler, der "einfach alle Regeln durchbrochen" habe. Sehr harmonisch hingegen sei das Gespräch mit dem Bundeskanzler abgelaufen: Wolfgang Schüssel (V) sei es gelungen, sich sehr staatsmännisch zu präsentieren und wurde auch von der Moderatorin Gaby Waldner im Gegensatz zu den anderen recht sanft angepackt, resümierte de Cillia im Gespräch mit der APA.

Westenthaler "härteste Nuss"

Die härteste Nuss für die Interviewerin war sicher Westenthaler, der Waldner keine Chance zum Durchatmen ließ: "In diesem Interview sind von Anfang an die Rollen verdreht worden", meint de Cillia. Begonnen habe das Gespräch von ihrer Seite sehr freundlich, indem sie sich für die gleichzeitige Terminsetzung des Fußballspiels entschuldigt habe. Eine Geste, die Westenthaler offenbar nicht würdigen wollte: "Er hat sofort die Initiative ergriffen und Kritik am ORF und der Generaldirektorin geübt, von der er dann noch den Dienstvertrag herausgezogen hat." Danach habe er über weite Strecken die Themensetzung an sich gerissen und ihr dann im Laufe des Gesprächs noch vorgeworfen, sie hätte nicht über die wichtigen Themen gesprochen, so de Cillia. "Bei Westenthaler war es auch unheimlich schwierig, überhaupt eine Stelle zu finden, wo ein geplanter Themawechsel oder ein Sprecherwechsel stattfinden hätte können", befand er.

Persönliche bis beleidigende Angriffe

Damit nicht genug, musste Waldner bei Westentaler auch recht persönliche bis beleidigende Angriffe kontern, etwa die Unterstellung eines überheblichen Lächelns, so de Cillia. "Sie hat verschiedene Strategien probiert, auch freundlich zu sein. Das hat im Prinzip alles nicht wirklich gewirkt." Sein Fazit: "Ich glaube, dass es im Extremfall auch möglich sein muss, ein Gespräch, das völlig unkooperativ verläuft, zu beenden."

Deutlich freundlicher verlief das Gespräch mit dem Kanzler, der sehr professionell agiert habe, indem er strategisch klug eigene Fehler eingeräumt und den politischen Gegner gelobt habe. "Das ist natürlich sehr geschickt, weil es insgesamt ein staatsmännisches Image erzeugt, das er in diesem Interview sehr gut 'rübergebracht hat. Man muss aber dazusagen, dass es die Interviewerin ihm auch nicht schwer gemacht hat." Ein Stilmittel Schüssels war das "Wir", so de Cillia: "Das ist ein besonders leistungsfähiges Pronomen im politischen Diskurs. Es ist auf jeden Fall vereinnahmend und Gemeinsamkeit erzeugend." Schüssel habe zudem bewusst die Mehrfachadressierung in dem Fernsehinterview genutzt, in dem er sich von Moderatorin und dem Studiopublikum verabschiedet und dabei auch Richtung Kamera und damit in die Wohnzimmer geblickt habe.

"Metaebene"

Bei SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer hatte de Cillia den Eindruck, "dass das Gespräch zwischendurch sehr gespannt war, auch auf Grund von abwertenden Zwischenbemerkungen der Moderatorin wie 'klare Ansagen schauen ein bisschen anders aus'". Er wiederum sei wiederholt auf die "Metaebene" des Gesprächs gegangen, indem er bei Waldner beispielsweise "das beliebte Koalitionsspiel" konstatierte. Verkörpert habe Gusenbauer eine gelungene Kombination aus Staatsmann und Oppositionspolitiker. "Er hat souverän gewirkt in inhaltlichen Fragen und sich auch von persönlichen Bemerkungen nicht aus dem Konzept bringen lassen."

Kooperativ sei auch das Gespräch mit Van der Bellen verlaufen. "Es gelang ihm, trotz Unterbrechungen und Zeitdrucks im zweiten Teil des Interviews, seine Positionen differenziert zu argumentieren und Fragen auch umzuformulieren." Van der Bellen war nach Ansicht de Cillias jener, "der am deutlichsten mit der Interviewerin diskutiert hat und wo ich am wenigsten die gleichzeitige Adressierung des Publikums vor dem Fernseher bemerkt habe."

Waldner bei Strache "am unfreundlichsten"

Deutlich handzahmer als sein direkter politischer Mitbewerber vom BZÖ hat sich FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache verhalten: "Er hat sich auch häufig unterbrechen lassen, hat das später aber thematisiert", meinte de Cillia. Gegen Schluss hin habe er Waldner eine falsche Themenselektion vorgeworfen, indem er bekrittelte, sie habe nicht über die wirklichen Probleme Österreichs diskutiert. Ihn hat die Moderatorin nach Ansicht de Cillias am unfreundlichsten behandelt, etwa an der Stelle, wo sie Strache gefragt habe, ob er sich jetzt "künstlich" errege. "Das sind Fragen die schon ein bisschen unhöflich sind, würde ich sagen. Dem Bundeskanzler würde sie die so wohl nicht stellen." (APA)

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