Die "Oasen der Zukunft sind offline"

11. Oktober 2006, 14:32
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Telekommunikations-Forscherin: Gesellschaftliche Auswirkungen der vielfältigen Online-Identitäten - Boom sozialer Websites steht ein Zurückziehen ins "Offline" entgegen

Nicht nur Jobsuchende oder frisch Verliebte kennen das Problem: Wenn der potenzielle Arbeitgeber oder der neue Schwarm im Web nachforscht, mit wem er sich da eigentlich einlässt, kann das Informationen preisgeben, die die Berufs- oder Beziehungsaussichten rapide dezimieren. Schräge Hobbys (oder Ex-Beziehungen) hätte man in diesem Kontext lieber im Dunkeln gelassen. Doch die Fragmentarisierung der Online-Persönlichkeit kann die Privatsphäre nicht nur beschädigen, sondern stärken, schildert Lara Srivastava von der in Genf ansässigen International Telecommunication Union (ITU) im Gespräch mit der APA.

Jeder

Im Web ist jeder viel: Ein Einkäufer, dessen Interessen für zielgerichtete Werbung gespeichert werden. Manchmal ein Bösewicht, der bissige Kommentare in diversen Foren hinterlässt. Ein fleißiger Mitarbeiter, dessen Tätigkeit im Web dokumentiert wird. Und, angesichts des Booms sozialer Websites wie MySpace.com, immer mehr auch man selbst als Privatperson. Der gezielte Umgang mit den immer vielfältigeren Online-Persönlichkeiten, die jeder Web-User kreiert, sobald er sich auf einer neuen Shopping-Website anmeldet, auf einer Webpage seine Musik-, Film- und Partnerwahlvorlieben kundtut oder anderweitig persönliche Information preisgibt, hat nicht nur private Konsequenzen.

Das Phänomen des "sozialen Internet" wirft durch seinen Einfluss auf die Kultur des täglichen Umgangs mit Webidentitäten auch soziologische, ethische und technische Fragen auf, sagt Srivastava, die heuer in der Jury des Prix Ars Electronica saß und sich mit dem Einfluss von neuen Technologien auf die Gesellschaft beschäftigt. Denn "diese Schichten der Identität erlauben es einem, bestimmte Sachen vom Auge der Öffentlichkeit fern zuhalten."

"Die Regierung sollte andere Dinge über dich wissen als deine Mutter oder deine Schwester."

Dies verändere die Kultur der gesellschaftlichen Repräsentation des Einzelnen, auch gegenüber Machtstrukturen. "Die Regierung sollte andere Dinge über dich wissen als deine Mutter oder deine Schwester. Die Bank sollte andere Sachen wissen als dein Arbeitgeber", so Srivastava. Es sei für den Menschen, der auf welche Arten auch immer das Internet nützt, von großer Bedeutung, "sich bewusst zu machen, dass ein Individuum heute ganz verschiedene Informationen in verschiedenen Kontexten übermitteln muss.

Welche Vorlieben die Person hinter Online-Identitäten wie "Hengst22" hat, will man zumeist lieber gar nicht wissen. Doch zugleich verbirgt dieser reale Mensch (wohlweislich) das meiste über sich: Es wird, nicht zuletzt für seine Freundin oder Frau, nicht leicht herauszufinden sein, wer hinter dem Online-Pseudonym steckt. Zumindest, wenn er seine digitale Identität gezielt managt. Dann kann er online unter verschiedenen User-Namen zugleich als Chat-Verführer, seriöser Mitarbeiter, Liebhaber schräger finnischer Musik und als Fan von lustig geformten Salatgurken auftreten. Und niemand wüsste, dass sich ein und die selbe Person dahinter verbirgt.

Doch angesichts derartigen Identitäts-Managements braucht es künftig für eine funktionierende Online-Gesellschaft verbindliche Maßstäbe, nicht zuletzt wegen Formen der Online-Kriminalität oder des Identitätsdiebstahls. Neue "soziale Normen, Ethik und Technologien" müssen kreiert werden, die ineinander greifen. "Dort liegt unsere größte Herausforderung. Denn das sind Bereiche, die bisher nicht sehr gut miteinander kommuniziert haben."

Profile

Websites, die Benutzern ermöglichen, Profile eigener Interessen anzulegen und so Gleichgesinnte in aller Welt zu finden, erleben derzeit einen Boom. Doch während immer mehr private Information online geht und Kinder gleich mit Onlinepräsenz aufwachsen, ist die soziale Auswirkung unerforscht. "Viele Leute, die soziale Websites wie MySpace.com benutzen, verwenden multiple Identitäten. Fragmentiert das die menschliche Identität, oder bestärkt das die Identität? Was bedeutet das im gesellschaftlichen, ethischen, aber auch rechtlichen Rahmen? Solange man da noch ein Fragezeichen setzt, ist alles okay. Das Problem beginnt, wenn man die Frage vergisst."

Es sei jedoch trotz des Booms bereits ein Zurückziehen ins "Offline" bemerkbar: "Menschen lernen gerade, ihre Mobiltelefone abzudrehen", so Srivastava. "Vielleicht werden diejenigen Kinder, die heute sechs Jahre alt sind und ihr ganzes Leben immer online gewesen sein werden, mit 25 sagen: Okay, ich habe genug vom Online-Sein. Ich brauche einen Ort, wo ich mich ausstecken kann. Vielleicht ist die Oase der Zukunft dieser Offline-Raum, wo es kein Netzwerk gibt, mit Mauern, die alles abschirmen."(APA)

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