Erste Kinder mit 100 Dollar-Laptop "zu Jahresende"

11. Oktober 2006, 14:32
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Zum Testen - Walter Bender: Noch keine Verträge mit Regierungen unterschrieben - "Mit Laptop wird man fast alles tun können - außer so viel Energie zu verschwenden"

Zu Jahresende 2006 soll der 100-Dollar-Laptop, mit dem Kindern in der Dritten Welt bisher ungekannte Möglichkeiten des Anschlusses an die vernetzte und digitale Welt des Wissens, Lernens und Chattens gegeben werden soll, das erste Mal für leuchtende Kinderaugen sorgen. "Wir sind in der B-Testphase des Gerätes", sagte Walter Bender, für Software und Inhalt des Laptops verantwortlicher Präsident des Projekts "One Laptop per Child", während der "Ars Electronica" im Gespräch mit der APA. "Und dafür wollen wir wissen, wofür Kinder das Gerät wirklich verwenden".

Preisgünstige, aber voll leistungsfähige Gerät

Die am Massachusetts Institute Of Technology (MIT) ins Leben gerufene Initiative will in Zusammenarbeit mit Regierungen in großem Maßstab preisgünstige, aber voll leistungsfähige Geräte insbesondere in arme Weltregionen bringen, um so den Kindern dort neue Chancen des Lernens auf zeitgemäße Art und Weise zu geben. "Unsere Prämisse ist: Jeder kann lernen, und jeder kann lehren. Die Menschen brauchen nur die Möglichkeit. Und die wollen wir ihnen geben. Es sollen mehr Menschen lernen, kommunizieren, sich ausdrücken", so Bender.

Eine Milliarde Kinder

Zielgruppe des Projektes sind eine Milliarde Kinder und Jugendliche. Erste Verhandlungen werden mit China, Indien, Brasilien, Argentinien, Ägypten, Nigeria und Thailand geführt.

"Wir machen den ersten Test - nicht mit dem Laptop selbst, aber mit seinem technischen Innenleben - in Thailand Ende Oktober. Wir werden Kinder mit Laptops zu Jahresende haben", und diese sollen das Gerät auf Herz und Nieren prüfen, denn "das kann man nicht im Labor", sagt Bender. Verträge mit Regierungen über die Auslieferung des Gerätes in großem Maßstab seien jedoch noch nicht unterschrieben. "Wir werden das auch nicht tun, bevor wir nicht ein Gerät in Händen halten und genau wissen, wann wir was liefern können", betont Bender.

Linux

Der niedrige Preis des von der taiwanesischen Firma Quanta federführend gebauten Gerätes wird zum Großteil durch Einsparungen bei den Display-Kosten und durch ein offenes Software-System, mit dem freien Betriebssystem Linux, erzielt. Trotz des Image-trächtigen Namens wird der Laptop jedoch vorerst ein bisschen teurer sein: "Im ersten Jahr wird es eher in Richtung 100 Euro sein, im zweiten Jahr 100 Dollar und irgendwann hoffentlich 100 (brasilianische, Anm.) Real", sagt Bender.

"Fast alles"

Mit dem Gerät wird man, trotz des niedrigen Herstellungspreises, "fast alles tun können - außer so viel Energie zu verschwenden wie mit einem gewöhnlichen Computer. Wir brauchen nicht 20 Watt, sondern zwei Watt." Der Unterschied zu herkömmlichen Geräten sei, dass "unseres auch im Freien", unter schwierigen Bedingungen funktioniert, sagte Bender. "Es wird ein großartiger Laptop, und ich werde selbst einen verwenden. Es wird eine Videokamera eingebaut sein, der Laptop wird Multimedia- und Internet-fähig." Und es "gibt keinen Grund, das nicht auch in der Ersten Welt anzuwenden. Es könnte eine Verkaufsversion geben. Nicht am Anfang, aber später."

Rar

Da Internet-Anschlüsse in den angestrebten Regionen rar sind, werden die mit zwei grünen, an Hörner erinnernden Antennen ausgestatteten Computer untereinander Netzwerke bilden können, um so den Kindern die Vorteile der Konnektivität zu zeigen. Auch der Stromanschluss ist vielerorts problematisch, daher wird es drei unterschiedliche Arten der Stromerzeugung geben, etwa durch eine Kurbel oder ein Seilzugsystem. Die Kurbel wird dabei nicht mehr, wie im ersten Design, am Gerät selbst, sondern am Stromadapter angebracht sein. Das angestrebte Energieverhältnis lautet "zehn Minuten lesen für eine Minute kurbeln", schildert Bender. Größte Sorge der Regierungen, mit denen Gespräche geführt werden, seien Maßnahmen gegen Diebstahl der Geräte.

"Mein Sohn hat nicht in der Schule wirklich schreiben und lesen gelernt"

Durch offene, veränderbare Software werden die Kinder mit dem Gerät arbeiten und lernen - und "lernen lernen" - können, so Bender. So soll etwa ein Auszug aus der Online-Enzyklopädie "Wikipedia" gespeichert sein. Insbesondere "Englisch zu lernen ist ein wichtiges Thema in der Dritten Welt" - und dafür bietet der Computer Möglichkeiten abseits des eigentlichen Unterrichts, betont Bender. "Mein Sohn hat nicht in der Schule wirklich schreiben und lesen gelernt, sondern indem er einen Internet-Messenger verwendet hat. Und er ist sehr gut im Schreiben."(APA)

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