"Nicht alles fressen, was einem vorgesetzt wird"

17. Oktober 2006, 19:17
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Bei immer mehr Wahlen liegen Meinungsforscher mit ihren Umfragen daneben - SORA und IMAS: Fehler werden gemacht, in der Krise ist die Demoskopie aber nicht

Vor den Nationalratswahlen im Jahr 2002 konnte kein Meinungsforschungsinstitut zu prognostizieren, dass die ÖVP so gut abschneiden würde. Nachdem auch die deutschen Institute bei den Bundestagswahlen den knappen Wahlausgang nicht vorhergesehen hatten, kündigte STANDARD- Chefredakteur Gerfried Sperl an, bei den Landtagswahlen in der Steiermark und Wien keine Umfragen in Auftrag zu geben (siehe Interview). Dennoch sind Umfragen gerade in Wahlkampfzeiten nicht mehr wegzudenken. Für die Parteien sind sie ein wichtiger Maßstab für die Beliebtheit von Maßnahmen und Wünsche der Bevölkerung, für Journalisten sind sie eine Grundlage für Kritik und Kommentar.

Nur hat sich dieses Instrument überlebt, wenn Umfragen so daneben liegen können und die neu eingeführten Wahlbörsen deutlich genauere Ergebnisse liefern? Nein, meinen die Meinungsforscher, es könne keine Rede davon sein, dass die Meinungsforschung in der Krise ist. Es greife viel zu kurz, wenn man die Situation der Meinungsforschung nur an der Genauigkeit von Wahlprognosen messe, meint etwa Andreas Kirschhofer vom IMAS-Institut.

Stichproben

Denn Meinungsforschung bedeute mehr als nur die "vor einer Wahl die politische Neugier möglichst exakt zu befriedigen". Krisenhaft sei lediglich die "unsachgemäße methodische Anwendung in der Politikforschung", so der Meinungsforscher. Man müsse dabei etwa genauer betrachten, ob die Grundlagen des Handwerks auch eingehalten werden. Problematisch dabei sei etwa, wenn mit viel zu kleinen Stichproben von 400 oder 500 Befragten gearbeitet werde. Auch Eva Zeglovits von SORA, das für derStandard.at das Wahlergebnis am Tag nach der Wahl im Chat analysiert, sieht dies ähnlich. Vor allem plädiert sie ganz grundsätzlich dafür, bei der Beurteilung von Umfagen Vorsicht walten zu lassen. Denn wenn eine Befragung Monate vor der Wahl durchgeführt werde, dann werde ja gefragt, was man wählen würde, wären am Sonntag tatsächlich Wahlen. "Es ist natürlich unseriös dann zu behaupten, die Wahl wird so und so ausgehen", so Zeglovits im Gespräch mit derStandard.at. Denn bis zur Wahl könne sich dann ja noch viel ändern, dennoch könne die die Umfrage durchaus richtig sein.

Parteien gefällig?

Meinungsforschungsinstituten, die für die eigene Parteinähe bekannt sind, wird immer wieder vorgeworfen, dem Auftraggeber gefällige Umfragen zu veröffentlichen. Dies sei allerdings nicht das Problem, meint Zeglovits. "Ein parteinahes Meinungsforschungsinstitut wird keine Aufträge allein deshalb bekommen, weil die Partei in seinen Umfragen gut da steht", ist die Meinungsforscherin überzeugt. Denn dies sei gar nicht im Interesse der Partei, die ja genau wissen wolle, wie ihre Politik bei den Wählern ankomme.

"Das Problem ist, dass die Institute nur jene Umfragen veröffentlichen können, für die sie auch von ihrem Auftraggeber das ok bekommen." Die Entscheidung darüber liege nämlich nicht beim Institut, sondern bei der Partei, der die Daten gehören. "Wir nennen das strategisches Nicht-Publizieren", erklärt Zeglovits. "Dadurch entsteht dann auch der Eindruck, es würden gefällige Umfragen gemacht, was allerdings nicht richtig ist".

Hürde

Vielmehr verwenden die Parteien in diesem Fall die jeweilige Umfrage dann zu ihren Zwecken. Ob Meinungsumfragen aber tatsächlich die Wähler beeinflussen, sei nur schwer zu beantworten. "Es gibt nur ein wissenschaftlich belegbares Phänomen, wo Umfragen die Wähler beeinflussen: Nämlich wenn prognostiziert wird, dass eine Partei die Hürde ins Parlament nicht schafft." Dann hätten die Wähler Angst, ihre Stimme könnte verloren sein und geben sie deshalb ihrer Zweitpräferenz, erklärt die Meinungsforscherin.

Dieser sogenannte "Fallbeileffekt" sei gerade bei dieser Wahl besonders interessant, da er gleich bei zwei Parteien eintreten könnte. "Das könnte erklären, warum Peter Westenthaler immer Umfragen zitiert, wonach das BZÖ bei sieben Prozent liegt, obwohl alle Umfragen gegenteiliges prognostizieren," mutmaßt Zeglovits. Schon am eigenen Leib erlebt hat diesen Effekt das Liberale Forum bei den Nationalratswahlen im Jahr 1999.

Graubereich

Das größte Problem neben zu kleinen und damit nicht repräsentativen Stichproben sieht Zeglovits aber darin, dass sich ein Teil der Befragten bei Umfragen nicht deklariert. Ihre Zahl sollte zwar geringer werden, je näher die Wahl rückt. Dennoch sei man genau hier in einem Graubereich, wo "viel Schindluder betrieben werden kann", meint die Meinungsforscherin. "Die Kunst liegt nämlich darin, von den Rohwerten auf eine Prognose zu kommen. Denn die Frage ist, wie man diese interpretiert und das macht jedes Institut anders", so Zeglovits. Grundsätzlich würde sie sich daher wünschen, dass die Institute ihre Methode offenlegen, um so eine bessere Einschätzung ihrer Ergebnisse möglich zu machen.

Aus falschen oder falsch interpretierten Umfragen den Schluss zu ziehen, Umfragen knapp vor der Wahl überhaupt zu verbieten, hält Zeglovits für problematisch. Erstens sei es in Zeiten des Internets undurchführbar. Außerdem aber hält sie es für problematisch: "Wenn man anfängt Informationen zu unterdrücken, begibt man sich auf ein gefährliches Terrain. Denn wer darf dann noch was sagen?" Immerhin seien Umfragen nur eine Information, die während eines Wahlkampfes debattiert werden. Daher plädiere sie eher dafür, dass die Institute möglichst alle Informationen offenlegen.

Eigentlicher Wert

Auch Kirschhofer sieht in der "Demoskopie nach wie vor das beste Instrument für die Massendiagnose", problematisch sei lediglich die schlechte Machart mancher Umfragen. "Der eigentliche Wert der Demoskopie liegt nicht darin, vor einer Wahl die politische Neugier möglichst exakt zu befriedigen, sondern im frühzeitigen Erkennen von Wünschen, Erwartungen, Bedürfnissen und Verhaltensweisen, die den Entscheidungsträgern ein gesellschaftsadäquates Handeln ermöglichen."

Gefragt sei allerdings ein sorgfältiger Umgang, von Seiten der Meinungsforscher wie der Medien, denn auch Journalisten müssten sich Kritik gefallen lassen, wenn sie wackelige Befunde aus Umfragen publizisitsch nutzen. Auch seine Kollegin von SORA schließt sich dieser Kritik an und ergänzt: "Ich hätte aber auch einen Wunsch an die Konsumenten, nämlich dass sie nicht einfach fressen, was ihnen vorgesetzt wird, sondern dass sie die Umfragen hinterfragen und zusätzliche Informationen verlangen", fordert Zeglovits. (Sonja Fercher)

  • Im Wahlkampf gehören sie zum täglich Brot von Parteien wie Zeitungen, allerdings sind weder die Umfragen selbst noch der Umgang mit ihnen nicht immer fehlerlos.
    grafik: standard

    Im Wahlkampf gehören sie zum täglich Brot von Parteien wie Zeitungen, allerdings sind weder die Umfragen selbst noch der Umgang mit ihnen nicht immer fehlerlos.

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