Natascha und der Neubeginn

5. Oktober 2006, 15:27
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Wie Nataschas Brief entstand und warum es nicht mehr notwendig ist, ihr Kindheitsfoto abzudrucken: Der STANDARD beantwortet alle Fragen

Frage: Wird die Mutter des Entführers an die Öffentlichkeit treten?

Antwort: Nein. Die Mutter des Täters hat über ihren Anwalt ausrichten lassen, dass sie nicht die Absicht habe, zur Berichterstattung etwas beizutragen. Sie musste bereits vorübergehend die Wohnung wechseln, weil ihre Wohnung von Medien belagert wird.

Frage: Warum veröffentlicht der Standard bis auf Weiteres keine Fotos oder Computeranimationen von Natascha Kampusch mehr?

Antwort: Fotos sind Teil des geschützten persönliches Lebensbereiches. Natascha Kampusch hat in ihrem Brief deutlich gemacht, dass sie keine derartigen Veröffentlichungen ohne ihre Zustimmung wünscht. Der Abdruck des Kindheits-Fahndungsbildes war bis zu ihrer Flucht Teil der Fahndung und daher sinnvoll. Jetzt gibt es allerdings keinen Grund mehr dafür.

Frage: Hat Natascha Kampusch den am Montag von Psychiater Max Friedrich verlesenen Brief selbst geschrieben?

Antwort: Laut Friedrich stellt der Brief die Zusammenfassung von Notizen auf losen Zetteln dar, die die junge Frau in den ersten Tagen nach ihrer Flucht zu Papier gebracht hat. Er, Friedrich, habe sich eine Stunde mit ihr hingesetzt und den Text in die endgültige Form gebracht - in seiner eigenen Handschrift. Ausdrücke wie "voyeuristisch" oder auch das symbolische Bild, dass der Entführer Kampusch "auf Händen getragen und mit Füßen getreten" habe, stammten laut Friedrich wortwörtlich von ihr.

Frage: Kann sie mit neuem Namen neu anfangen?

Antwort: Wenn einer der im Gesetz genannten Gründe vorliegt, ist eine Namensänderung möglich. Z. B. "Der Antragsteller oder die Antragstellerin kann glaubhaft machen, dass die Änderung des Familiennamens notwendig ist, um unzumutbare Nachteile . . . in seinen oder ihren sozialen Beziehungen zu vermeiden, und dass diese Nachteile auf andere Weise nicht abgewendet werden können". Der Antrag wird beim Magistrat beziehungsweise der Bezirkshauptmannschaft eingereicht.

Frage: Der Entführer, Wolfgang Priklopil, ist tot, Natascha Kampusch ist frei. Warum hört die Polizei nicht auf zu ermitteln?

Antwort: Weil die Frage, ob es bei Kampuschs Entführung und Gefangenhaltung einen Zweittäter gegeben hat, noch nicht geklärt ist. Details über Kampuschs Leben im Verlies interessieren die Polizei hingegen nicht.

Frage: Wie ist Kampuschs derzeitiger Bildungsstand?

Antwort: Sie hat keine ordentliche Schule besucht, aber laut Udo Jesionek, dem Leiter der Kriminalitätsopferhilfe "Weißer Ring", könnte sie von ihrer Diktion her "durchaus als Maturantin oder Studentin" durchgehen.

Frage: Wie lernte sie, sich derartig gewählt auszudrücken?

Antwort: Wolfgang Priklopil hat sie mit Literatur, Zeitungen, später auch mit Lexika versorgt. Er hat sich mit ihr gemeinsam Fernsehsendungen wie "Universum", aber auch Serien wie "Mr. Bean" angeschaut. Außerdem hatte sie in ihrem Verlies ein Radio: Sie hörte vor allem Ö1.

Frage: Wie passen ihr Wissen und ihr Können mit ihrer höchstwahrscheinlichen Traumatisierung zusammen?

Antwort: Beides kann nebeneinander bestehen. Die Stärken können ihr nur helfen, die Probleme zu bewältigen.

Frage: Wer bezahlt Behandlungen und Unterhalt?

Antwort: Als Opfer eines Verbrechens fallen ihre diesbezüglichen Ansprüche unter das Opferschutzgesetz, Therapie und Lebensunterhalt werden bis auf Weiteres von der öffentlichen Hand beglichen - darum kümmert sich die Kriminalitätsopferhilfe "Weißer Ring". Der Stadtschulrat hat zugesagt, dass Kampusch gratis den Hauptschulabschluss nachholen kann. Jesionek will alle Spenden und sonstigen Gelder - etwa aus Vermarktungsrechten von Kampuschs Geschichte - in einen Fonds fließen lassen. (bri, fern, DER STANDARD Printausgabe, 04.09.2006)

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