Rücksicht auf ein zartes Pflänzchen

2. Oktober 2006, 11:06
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Österreichs Fußballteam hat nicht verloren, folglich muss das 2:2 im Geisterspiel gegen Costa Rica wohl als Erfolg betrachtet werden

Es gibt nach wie vor Fußballer, die irgendwie froh darüber sind, einen Teil ihres Lebens bei der Admira verbracht zu haben. Roland Linz etwa, der sich am Samstagabend vor dem vermutlich auch von Gott verlassenen Stade de Genève (270 Zuseher) überhaupt nicht geschreckt hat. "Das war ich von der Südstadt gewohnt." Einer, der nun für Boavista Porto stürmt, steht offen zu seiner Vergangenheit.

Kein Schmerz

Linz erzielte beim 2:2 der österreichischen Nationalmannschaft gegen jene von Costa Rica beide Tore, eine Nacht später wurde im verschlafenen Nyon die Leistung analysiert. Die Beteiligten waren sich darüber einig, dass jenes Match ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, nämlich vorwärts, gewesen ist. Widersprochen haben dem maximal die berühmten Kolumnisten in der Heimat. Zu erwähnen sind Menschen vom Schlag des Toni Polster oder Hans Krankl, die in Österreich seit Längerem zu den Erfindern des investigativen Journalismus gerechnet werden. Weil sie absolut neutral sind und keine eigenen Interessen verfolgen (Achtung Ironie!). Teamchef Josef Hickersberger pflegt, ohne dabei arrogant zu wirken, über solchen und auch anderen Dingen zu stehen: "Goalgetter sind eben jederzeit unberechenbar."

Das unbestrittene Faktum war also ein redliches 2:2, und das tat nach den Watschen gegen Kanada (0:2), Kroatien (1:4) und Ungarn (1:2) zumindest nicht weh. Im Langzeitprojekt "Eine Mannschaft bei der EURO 2008 stellen, für die man sich nicht zu genieren braucht" dürfen so Nebensächlichkeiten wie zwei wahnwitzige Elfmeter (einer für Costa Rica, einer für Österreich, beide saßen) kein Thema sein. Der Schweizer Referee Claudio Circhetta war im Genfer Hexenkessel überfordert, aber eine Psychoanalyse dieses Herren wäre für die Zukunft des österreichischen Fußball nur von geringer Bedeutung.

Sticklers Gärtchen

Auffallend war, dass Chancen rausgespielt und zwei Rückstände verkraftet wurden. "Gute Moral", heißt das. ÖFB-Präsident Friedrich Stickler drückte es blumig aus; "Wir sind ein zartes Pflänzchen, das behutsam gepflegt gehört." Stickler hält auch nur den geringsten Ansatz einer Teamchef-Debatte "für entbehrlich. Das passt mit unserer Vision nicht zusammen. Dass die Stimmung im Land schlecht ist, weiß ich. Aber es gibt positive Aspekte, ich freue mich über den Punkt."

Hickersberger fühlte sich "weder überglücklich noch selbstmordgefährdet", er vermerkte "Verbesserungen im Spielaufbau. Dass ein 2:2 gegen Costa Rica keine Wende sein kann, ist mir klar." Lob zollte er Christoph Leitgeb (21) von Sturm Graz, der im dritten Länderspiel eine tadellose Leistung abgeliefert hatte.

Und dann wurde vorausgeblickt, bereits am Mittwoch vergnügt man sich im verlassenen Basel mit Venezuela (0:1 gegen die Schweiz). Die Einsamkeit kennt man schon aus Genf, sie könnte beflügelnd sein. Roman Wallner fehlt wegen einer Entzündung im Knie, René Aufhauser reiste am Sonntag ab, seine Frau erwartet das zweite Kind. Kapitän Andreas Ivanschitz zwicken einige Muskeln im Hüftbereich, der Schaden dürfte aber rechtzeitig behoben werden. Die Kommentatoren sind sicher fit. "Wir wollen siegen. Es gibt jetzt keine faden Gesichter mehr im Team", sagte Ivanschitz. Fortsetzung folgt. (Christian Hackl aus Genf, DER STANDARD Printausgabe 04.09.2006)

  • Roland Linz, unberechenbar, also Goalgetter.
    foto:epa/gillierion

    Roland Linz, unberechenbar, also Goalgetter.

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