Abschiedsmusikant namens Ruzicka

20. Juli 2007, 16:45
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Zum Festspielabschluss - ein "Debüt"

Salzburg - Eine Eigenschaft, die Mariss Jansons - neben vielen anderen Vorzügen - zu einem so ungemein beliebten Dirigenten macht, ist seine grenzenlose Aufrichtigkeit. Selbst auf etliche Meter Entfernung lassen sich seine Gefühlsregungen von seinem Gesicht ablesen. Als etwa nach Ende von Mozarts B-Dur-Symphonie (KV 319), die vom Concertgebouw-Orchester Amsterdam am Donnerstag als letztes Werk nicht eben fulminant gespielt wurde, verriet Jansons Mienenspiel so etwas wie ratlose Unruhe. Der Beifall, den diese Wiedergabe auslöste, war nämlich nicht jubelnd genug, als dass er eine Zugabe gerechtfertigt hätte, die Jansons und seine Amsterdamer aber nach einer dem Publikum geheim gehaltenen präsidialen Abendregie in Form von Mozarts Figaro-Ouvertüre unbedingt anbringen musste.

Mozartarena

Denn nach deren (tatsächlich akklamiertem) Schluss betrat die Präsidentin in einer, ihrem Rang entsprechend, Eleganz und Dominanz mit modischem Know-how vereinenden schwarzen Gala-Uniform die Mozartarena, um Peter Ruzicka in der vorletzten Stunde seiner Salzburger Amtszeit auf Deutsch und Englisch für seine Tätigkeit zu danken und auch gleich eines seiner Gebote zu unterlaufen.

Auf höchst respektable Weise hat Ruzicka in den fünf Jahren seines Salzburger Wirkens nämlich streng darauf geachtet, dass keines seiner Werke auf dem Festspielprogramm aufscheint. Ganz zum Schluss ist es nun passiert: Mit seiner 1991 entstandenen Orchesterskizze mit dem für Salzburg nicht unstimmigen Titel Gesegnet und verflucht bewies er, dass er emotionelle Impulse, die er in seiner Intendantentätigkeit mit fast hanse-atischer Noblesse unterdrückte, künstlerisch sensibel und satztechnisch souverän zu gestalten weiß. Dass er geht, ist schade für Salzburg, aber gut für ihn selbst.

Streichergesänge

In mancher Hinsicht verriet dieses kurze Stück eine unüberhörbare Nähe zu Hans Werner Henze, dessen Sebastian im Traum, eine Nachtmusik auf eine Dichtung von Georg Trakl, den Gästen aus Amsterdam am besten glückte. Die orchestralen Schreie und sich immer wieder aufs Neue erhebenden, dann doch wieder abbrechenden Streichergesänge, mit denen Henze, dieser wissende Dionysos, Trakls Text nicht vertont, sondern dessen expressive Leidenschaft aus den Fesseln der Semantik befreit und in die grenzenlose Weite des Assozi-ativen führt, wurden auf berührende Weise vermittelt.

Eindringlichkeit

Mozart hingegen kann glücklich sein, dass er schon 215 Jahre lang tot ist. Denn, ob er mit allem eine Freude gehabt hätte, womit heuer so viele eine gehabt haben, bleibe einmal dahingestellt. Sogar die Mitwirkung eines Klavier-Olympiers wie Alfred Brendel muss nicht immer einen interpretatorischen Superlativ zeitigen.

Im düsteren d-moll-Klavierkonzert (KV 466) kam es bei aller Eindringlichkeit im Detail vor allem im zweiten Satz immer wieder zu, wenn auch geringfügigen, so doch unüberhörbaren Differenzen im Zusammenspiel mit dem Orchester. Was dem Enthusiasmus, mit dem der Großmeister und sein orchestrales Umfeld gefeiert wurden, nicht den geringsten Abbruch tat.

Wohlklang

Herzlich mitapplaudiert hätte Mozart an diesem Abend wohl lediglich nach der gleich zu Beginn des Abends gespielten Symphonie (Ouvertüre) (KV 181), deren Wiedergabe die unbekümmerte Frische dieses Jugendwerks auf animierende Weise - vor allem durch das meisterhaft gespielte Oboensolo - in verzaubernden Wohlklang verwandelte. (Peter Vujica/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.9.2006)

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