"Ästhetisch völlig missraten"

9. Oktober 2006, 15:15
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Medienbranche reagiert kritisch auf "Österreich" - Von "Solider Boulevard" bis "Missverhältnis zwischen Erwartung und Produkt"

Nach einigen Startschwierigkeiten - vor allem im Vertrieb - hatte das Warten am Freitagmittag ein Ende. Die neue Tageszeitung "Österreich" ist nun tatsächlich erschienen. Die Medienbranche reagierte hörbar erleichtert auf das über 200 Seiten starke Erstlingswerk. Die Kommentare der konkurrierenden Zeitungsmacher fielen freilich überwiegend und erwartet kritisch aus. Die APA hörte sich in den Chefetagen der heimischen Medien um:

Eva Dichand: "Klassischer verpatzter Start"

Eva Dichand (Geschäftsführerin "Heute"): "Ich war Donnerstagabend auf einem Agenturfest, da hat jemand ein paar Exemplare mitgebracht. Eines hab ich mitbekommen, um das geiern sich bei uns jetzt alle. Bei uns im 19. Bezirk war die Zeitung nicht zu bekommen. Das soll keine Schadenfreude sein, aber das ist ein klassischer verpatzter Start. Ohne Zustellung kann man eine Zeitung nicht verteilen. Ein Handelsinserat, das erst nach 10.00 Uhr am Markt ist - da werden wohl einige Inserenten nicht zahlen. Die Zeitung selbst ist nicht so überwältigend. Die Schrift ist mir zu klein, das Layout zu unruhig. Die Zeitung ist mir in Summe zu dick, sieht eher nach einer Sonntagszeitung aus. Man muss da sicher ein paar Monate abwarten und sich das Ganze dann noch einmal anschauen."

Michael Fleischhacker: "Solider Boulevard"

Michael Fleischhacker (Chefredakteur "Die Presse"): "Ich habe 'Österreich' bekommen, auch wenn das gar nicht so einfach war. Angeblich hatten die ja massive Vertriebsprobleme. Obwohl man ja nicht genau weiß, ob das nicht nur ein Marketing-Gag ist. Ich hatte mir Innovation erwartet und nach dem ersten Blick habe ich den Eindruck, dass die Innovation ist, dass es die erste Zeitung ist, von der man das Hauptblatt wegschmeißt und Beilagen behält. Sonst macht man das ja eher umgekehrt. Außerdem erinnert das Blatt ein wenig an 'Heute'. Als U-Bahnfahrer würde ich jedenfalls die Nachrichten von 'Heute' nehmen und die Beilagen von 'Österreich'. Vom Stil her handelt es sich hier um soliden Boulevard. Das Format finde ich hingegen sehr gut, aber erschreckend schlecht genutzt. Für die 'Presse' bin ich natürlich glücklich, gratis eine Differenzierungsleistung zu erhalten. Trotzdem glaube ich, dass die Zeitung ein Erfolg sein wird. Das Marketinggetöse wird sicherlich noch einige Zeit anhalten."

Christoph Kotanko: "Missverhältnis zwischen Erwartung und Produkt"

Christoph Kotanko (Chefredakteur "Kurier"): "Aus der Traum, willkommen in der Wirklichkeit. Fellners Hauptproblem ist das krasse Missverhältnis zwischen der angeheizten Erwartung und seinem Produkt, soweit es überhaupt zu haben ist. Zum Beispiel das Schüssel-Interview: Die Botschaft des Bundeskanzlers, ausländische Pfleger zu legalisieren, ist 10 Tage alt, sie stand im Wesentlichen am 23. August auf Seite 1 der 'Salzburger Nachrichten'. Das ist ein ranzige Geschichte, die man vergeblich aufzublasen versucht. Der 'Kurier' hat seit Wochenbeginn ein neues Design und damit verbunden eine funktionierende Werbekampagne. Binnen vier Tagen haben wir nachweisbar mehr als 8.000 neue Abonnenten und Testleser gewonnen. Bezüglich der Abonnenten spricht Fellner von mehr als 50.000. Damit ist er trotz monatelanger Vorbereitungen und riesigen Werbeeinsatzes immer noch viel kleiner als alle großen Bundesländerzeitungen. Er ist laut Zahlen der Österreichischen Auflagenkontrolle (ÖAK) natürlich auch kleiner als 'Presse' und 'Der Standard', ganz zu schweigen vom 'Kurier'. Wie viele Kunden die Fellner-Zeitung, wenn sie einmal umfassend vertrieben wird, tatsächlich hat, werden erst die geprüften ÖAK-zahlen zeigen. Alles andere sind unüberprüfbare Traum-Zahlen."

Gerfried Sperl: "Unspannende Seite 1"

Gerfried Sperl (DER STANDARD-Chefredakteur): "Eine so unspannende Seite 1 wie die von 'Österreich' würde uns nicht einmal in schlechten Tagen einfallen. Das Hauptblatt wirkt wie ein Transfer des Londoner 'Daily Mail' auf die österreichische Presselandschaft. In ihrer boulevardesken Form ist die Zeitung sehr britisch. Die Fernsehbeilage ist sehr gut, die andere Beilage eine dünne Form von 'Woman'."

Engelbert Washietl: "Keinen Neuigkeitscharakter"

Engelbert Washietl (Vorsitzender der Initiative Qualität im Journalismus und ehemaliger stv. Chefredakteur des "WirtschaftsBlatt"): "Es überrascht mich nicht, dass 'Österreich' einfach eine Zeitung ist und kein völlig neuer Typ. Auch inhaltlich erkenne ich keinen Neuigkeitscharakter. Recht gut ist hingegen das Format, das lässt sich sicherlich noch pflegen und ausbauen und ist im Layout sicherlich flexibler zu handhaben als das Format der 'Kronen Zeitung'. Es lässt sich außerdem erkennen, dass Fellner dabei ist, ein tägliches 'News' zu machen. Wäre die erste Ausgabe drei oder vier Tage vor dem dieswöchigen 'News' erschienen, wären sicher genau diese umstrittenen Geschichten über Frau Kampusch abgespielt worden. Hier ist eine fühlbare Konkurrenz zum 'News'-Produkt gegeben. Der 'People'-Teil entspricht natürlich dem Trend der Zeit. Hier bringt 'Österreich' sicherlich täglich quantitativ das meiste und qualitativ das meist Problematische."

Hubert Patterer: "Ästhetisch ist das Ding völlig missraten"

Hubert Patterer (Chefredakteur "Kleine Zeitung"): "Prinzipiell ist es erfreulich, wenn jemand in Zeiten, da überall die Totenglocken für das angebliche Auslaufmodell Zeitung geläutet werden, trotzig und antizyklisch ein Baby in die Welt setzt. Allerdings schaut man dann doch enttäuscht in den Brutkasten. Die Zeitung kommt daher wie eine Kreuzung aus 'Bild am Sonntag' vor zehn Jahren und 'Daily Mirror'. Ästhetisch ist das Ding völlig missraten, die Seiten sind überfrachtet und unaufgeräumt, dass einem schwindlig wird. Erdrückend ist die Opulenz der Umfänge und beigelegten Magazine. Man hat den Eindruck, dass hier jemand eine halbe Trafik in eine Zeitung pressen wollte. Der Rest: Viel flacher Zeitgeist, viel Dünnsuppiges, das dick aufgetragen wird. Sehr gelungen und modern hingegen ist die Online-Ausgabe, hier vor allem die interaktiven Elemente und die Video-Streams. Die 'Kleine Zeitung' nimmt die Herausforderung ohne Hochmut, aber entspannt an und vertraut ihrer Stärke: eine verlässliche, glaubwürdige Autorität im Süden Österreichs zu sein."

Andreas Unterberger: "Fülle von organisatorischen Flops und inhaltlichen Enttäuschungen"

Andreas Unterberger (Chefredakteur "Wiener Zeitung"): "Auch wenn die Fülle von organisatorischen Flops und inhaltlichen Enttäuschungen, die den Start der neuen Zeitung begleiten, Weltrekord darstellen dürften, so bin ich ziemlich sicher, dass sich die neue Zeitung auf dem Markt halten wird können. Dafür sprechen die eindrucksvollen Millionen an Marketing-Mitteln, die für die neue Zeitung in die Hände genommen werden, und die tiefe Krise, die die Boulevard-Konkurrenz aus dem Haus Mediaprint befallen hat. Das zeigt jedenfalls, dass das Produkt Zeitung keinesfalls tot ist, wie viele prophezeit haben. Vorerst jedoch zeigt sich noch ein weiteres: Dass das Handwerk 'Tageszeitungs-Machen' viel schwieriger ist als jenes der Erstellung von Illustrierten. Amüsant ist, dass die Fellner-Zeitung für den Aufmacher total die Titelschrift der 'Wiener Zeitung' imitiert hat. Will man sich so einen Hauch an Seriosität verschaffen?" (APA)

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