Ars Electronica: Kultur des Digitalen in der mobilen Stadt

11. Oktober 2006, 14:32
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Projekte im öffentlichen Raum widmen sich der "Mobile City" - Kultur des Digitalen öffnet Möglichkeiten, die viele ungenützt lassen

Die Kultur des Digitalen, die Möglichkeiten von mobiler Kommunikation und Vernetztheit für den Alltag, beeinflusst das Leben in einem Ausmaß, das nicht überschätzt werden kann. Oder würde es zumindest, wenn nicht nur Technikfans und Teenager die vielen Möglichkeiten der neuen Kommunikations-Tools ausnützen würden. Wer die vielen Optionen des Multimedialebens nicht verwendet, begründet dies oft mit der zu großen Komplexität der Geräte. Doch die "Simplicity", mit der sich das Linzer Computerkunst-Festival Ars Electronica auseinander setzt, ist nicht das Gegenteil von Komplexität. Sondern die Suche nach einfachen Wegen im Dschungel des Komplizierten, die noch dazu Spaß machen oder Sinn schaffen.

"Mobile City"

Die Projekte im öffentlichen Raum der heurigen Ars Electronica (bis 5. 9.) widmen sich der "Mobile City", in der jeder überall nicht nur kommunizieren, sondern auch spielen, Bilder machen und Daten (etwa kleine, mehr oder weniger lustige Filme oder Adressen) tauschen kann. Oder auch die neuen Möglichkeiten für Kunst oder schlicht mehr Spaß benützen könnte. Wie etwa bei dem Projekt "Song For C" (erstmals heute, Freitag, 17 Uhr, im Linzer Einkaufszentrum "Arkade"), bei dem neueste Handys, digitaler Videorundfunk für tragbare Geräte (DVB-H) und Interaktion zwischen den Teilnehmern für eine High-Tech-Krimihandlung im öffentlichen Raum sorgen sollen.

"canal*accessible"

Dass die Handykamera auch für Sinnvolleres als private Schnappschüsse oder Voyeurismus im Freibad genützt werden kann, zeigen Community-Projekte wie etwa "canal*accessible", Gewinner der "Goldenen Nica" im Bereich "Digital Communities": Behinderte Menschen nutzen die Mobiltelefone, um Hindernisse im Stadtbild zu fotografieren und dann auf einer Online-Straßenkarte einzuzeichnen. So entsteht eine Landkarte des Nicht-Behindertengerechten. Oder "Code Check", ein Projekt, bei dem man im Supermarkt via Handykamera den Barcode des Produktes einlesen und sich dann online Info zu den Produktinhaltsstoffen und Meinungen anderer Käufer holen können wird.

Trendig

Doch was in den Hochglanz-Werbemagazinen so trendig aussieht, lässt im Alltag viele kalt: Die meisten Funktionen der Mobiltelefone bleiben ungenützt. Adressdetails und Telefonnummern im Handy zu verwalten, ist weit verbreitet. Doch wer hat schon einmal mit dem neuen Aufriss oder Geschäftspartner eine Visitenkarte über eine drahtlose (Bluetooth-)Verbindung zwischen zwei Handys getauscht? Auch die ganz reale Möglichkeit, Bilder von der immer besser auflösenden Handykamera auf den Computer zu sichern (oder gar in einen Abzug zu verwandeln), ist für viele Zukunftsmusik, die eigentlich schon längst erklingen könnte. Die Ars Electronica zeigt dorthin, wo die schöne neue Medienwelt schon bei den Menschen angekommen ist.

Zweifel

Selbst das zweifellos am weitesten verbreitete Werkzeug der Mobilität, das Handy, stößt noch immer auf soziale Anlaufschwierigkeiten. Wer hat nicht schon unfreiwillig intime (oder schlicht langweilige) Geschehnisse aus dem Leben Fremder mitanhören müssen und sich zumindest innerlich darüber echauffiert? Doch der Spieß lässt sich auch umdrehen: Warum soll man sich von den verdrehten Augen und angefressenen Mienen Fremder am mobilen Leben hindern lassen, wenn dieses schon allseits so angepriesen wird? Neue Räume für Privatsphäre müssen daher in der mobilen Stadt her.

Blaue Zone

Bei der Ars Electronica gibt es daher derzeit eigene, blau gekennzeichnete Zonen für Handytelefonierer, in denen diese Rücksichtnahme von den Nicht-Telefonieren erwarten dürfen ("As If We Were Alone"). Und wenn das nichts mehr hilft, gibt es die "Cell Atlantic CellBooth", eine Telefonzelle im Rucksack-Format, die man sich über den Kopf stülpen kann, um in Ruhe telefonieren zu können.

Wer etwas auf der Seele hat und das trotz vielfältiger Kommunikationsmöglichkeiten niemandem persönlich anvertrauen will, der findet in der mobilen Stadt auch eine Art anonymen Beichtstuhl: Unter dem Motto "Regrets" bewegen sich fünf Menschen mit Computern in speziellen Gestellen auf dem Rücken durch die Stadt, und wer will, kann diesen Computern anvertrauen, was ihn belastet. Und der Computer vergleicht dies mit bereits eingegebenen Daten, um dem Einzelnen zu zeigen: Du bist nicht allein. Damit das auch alle wissen, wird eine zufällige Auswahl der Reuebekundungen online veröffentlicht (http://www.regrets.org.uk)

Spaß und Erleichterung im Leben

Doch die mobile Stadt bringt nicht nur Spaß und Erleichterung im Leben: Die Angst vor Kontrollverlust und Überwachung wächst, und wird von der Ars Electronica thematisiert. Etwa bei der Installation am Hauptplatz "maschine-mensch", wo der Mensch zum Teil einer Maschine degradiert wird. Durch elektrische Muskelstimulation wird der Arm der Freiwilligen von einer Maschine bewegt und an einem stilisierten Fließband zu einer minderen Funktion verwendet: zum Aussortieren bunter Würfel. Wann sich der Mensch bewegt, bestimmt der Computer. Der Spaß der Probanden mischt sich mit Unwohlsein.

Ein bisschen an der Maschine rächen kann man sich beim "Sledgehammer Keyboard". Dort muss (bzw. darf) man alle seine Muskelkraft selbstbestimmt einsetzen, um mit einem großen Hammer mit voller Wucht auf eine überdimensionale Tastatur zu schlagen. Die wird jedoch nicht kaputt, sondern zeigt den "getippten" Text auf einem Bildschirm an.

Der Preis

Der Preis, der für die ständige Erreichbarkeit am Handy in der Mobilen Stadt bereitwillig gezahlt wird, ist ständige Überwachbarkeit: Wo das Handy sich von Funkzelle zu Funkzelle weiterbucht, weiß man auch, wie der Besitzer sich fortbewegt. Wer gerne ein persönliches Funkloch hätte, um dieser latenten Verfolgbarkeit zu entgehen, der braucht ein "Silver Cell"-Säckchen: Die Tasche aus versilbertem Polyamidgewebe wirkt wie ein faradayscher Käfig und schirmt das Mobiltelefon ab. Und man verschwindet aus dem Funknetz. Oder man dreht das Handy einfach ab, und verlässt die mobile Stadt. Wo man jedoch mehr versäumt, als sich viele heute vorstellen.(APA)

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    Bild von der Eröffnung der ARS 2006

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