Frauen sind die treibende Kraft

23. Juni 2000, 09:03

ForscherInnen entschlüsseln die Chemie der Liebe

Martina Salomon

"Wir müssen sagen, dass wir von dem anderen was wollen, ohne dass wir es sagen." Verhaltensforscher Karl Grammer bringt das verzwickte Problem auf den Punkt. Aber er hat das Instrumentarium, um herauszufinden, ob aus der ersten Annäherung Liebe werden kann. Computerisierte Bewegungsanalysen vom ersten Date zeigen, ob ein Paar zusammenpasst.

Fest steht: Frauen sind - auch wenn sie vordergründig passiver erscheinen mögen - die treibende Kraft. Sie suchen aus. Und was bei unwissenschaftlicher Betrachtung als verwirrend "unvorhersagbares" Verhalten der holden Weiblichkeit erscheint, enthält bei detaillierter Analyse doch etliche Informationen.

ForscherInnen am Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtethologie - an dem auch Grammer arbeitet - haben je nach Paar unterschiedliche, versteckte "Muster" entdeckt. Sie ergeben eine Art Tanz zwischen den Geschlechtern, der Harmonie signalisiert. Beispiel: Er lehnt sich zurück. Sie fährt sich als Reaktion durch die Haare und greift sich wenig später ins Gesicht. Je höher das Einverständnis von ihr mit ihm, um so mehr "Tänze" lassen sich herausfiltern. Frau glaubt es kaum, aber das flirtbereite, weibliche Wesen manipuliert Grammer zufolge häufig das männliche Gegenüber, indem es die Hilflose, leicht Depressive spielt.

Amerika flirtet anders

All das wurde bei wissenschaftlichen Experimenten in Deutschland und Japan entdeckt. Amerika hingegen flirtet anders: So ist dort Körperkontakt kein Hinweis auf Erotik. Die Amerikanerinnen "betatschen" angeblich gern und wahllos. Bei Austauschprogrammen werde man darauf hingewiesen, sagt Grammer. Damit heimische Dozenten nicht dem Irrtum verfallen, reihenweise von Studentinnen angemacht zu werden.

Männer glauben ohnedies häufiger als Frauen, dass sexuelles Interesse an ihnen besteht. Dafür hat Grammer eine biologische Erklärung aus den Tiefen der Evolution: "Männer haben weniger zu verlieren."

Duft und Gestank

Wobei mehrere Studien gezeigt haben, dass Frauen an fruchtbaren Tagen maskuline Männertypen bevorzugen und häufiger fremd gehen. Auch ihre Geruchswahrnehmung verändert sich - sie findet seinen Geruch an empfängnisbereiten Tagen anziehend. Normalerweise "stinkt" den Frauen das Adrostenon im männlichen Schweiß. Umgekehrt macht der Duft des Eisprungs auch unattraktive Frauen für Männer begehrenswert. Die heimlichen Liebesverstärker nennen sich "Ovulations-Kopuline" und wirken unter der Wahrnehmungsschwelle.

Der amerikanische Anthropologe und "Pille"-Kritiker Lionel Tiger hat schon 1972 bei einem Versuch mit "Bärenmakaken" festgestellt, dass die Affenmännchen ihr Interesse an Sex verloren, wenn den Weibchen ein Verhütungsmittel verabreicht worden war. (Wieder beschrieben in: Auslaufmodell Mann).

Grammer hingegen denkt an einen neuen Big-Brother-Container. Um zwei Millionen Schilling könnte sich ein Fernsehsender mit seiner Hilfe einen neuen Quotenhit kaufen: Die WissenschafterInnen würden zu einander passende Singles auswählen, zusammenbringen und beobachten.

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